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Naturschutz im Wald

Traditionelles Verständnis – heutige Anforderungen

Naturschutz im Wald ist traditionsgemäss eng mit dem Begriff "naturnaher Waldbau" verbunden. Früher herrschte die Meinung vor, mit der Erfüllung der Ansprüche an die Schutz- und Nutzfunktion könnten die Anliegen des Naturschutzes im Wald ausreichend abgedeckt werden, sofern die Bewirtschaftung nach den Grundsätzen des naturnahen Waldbaus erfolge.
Tatsächlich sind heute sehr viele Wälder im Kanton Graubünden naturnah aufgebaut. Dies ist in erster Linie das Ergebnis der Bemühungen der Waldbesitzer und des Forstdienstes während der vergangenen 120 Jahre. Sie hielten sich dabei an die strengen Vorgaben in der Waldgesetzgebung (Kahlschlagverbot, Verzicht auf fremdländische Baumarten, Kontrolle der Nachhaltigkeit etc.) und wurden geleitet durch die Erkenntnisse aus Lehre und Forschung.

naturnaher Waldbau

Weil aber die natürlichen Prozesse im Wald sehr langsam ablaufen und die Ziele langfristig ausgelegt sind, lassen sich da und dort nach wie vor Spuren früheren Raubbaus, grossflächiger Aufforstungen und grossräumiger Beweidung erkennen. Die Überführung in naturnähere Bestockungen durch waldbauliche Massnahmen ist insbesondere dort schwierig, wo Naturereignisse überhand nehmen und wo übersetzte Wildbestände die Naturverjüngung mit den gewünschten Baumarten verunmöglichen. Naturnähe ist zudem in einem dicht besiedelten Gebirgskanton nur unter Berücksichtigung der Anforderungen an den Schutzwald möglich.

Waldentwicklungsphasen in einem Urwald. Klimax = vom Standort her „ausgereifte“ natürliche oder sich mindestens im Gleichgewicht befindende Waldform. (aus: W.Scherzinger, 1996)

Mit dem traditionellen Verständnis des naturnahen Waldbaus wurde im Kanton Graubünden im Verlaufe der Jahrzehnte im Kielwasser anderer Zielsetzungen eine gute Ausgangsbasis für den Naturschutz geschaffen. Zunehmender Druck auf die Landschaften, Schutzbedürfnis der Bevölkerung, Rationalisierungseffekte bei der Waldwirtschaft und Extensivierung bzw. Vernachlässigung gewisser Nutzungen führten jedoch zur Erkenntnis, dass der naturnahe Waldbau in seiner ursprünglichen Definition allein nicht genügt, sondern dass zusätzliche Anstrengungen im Rahmen eines fein ausgewogenen Managements unserer natürlichen Grundlagen notwendig sind.

Im Gegensatz zu grossen Waldreservaten, in denen der vollständige Zyklus natürlicher Waldentwicklung ablaufen kann, gibt es keine Waldbewirtschaftungsform, welche die volle Palette natürlicher Waldlebensräume bereitzustellen vermag. (aus: W.Scherzinger, 1996)

Aus der Sicht des Naturschutzes wird beispielsweise gefordert, dass die natürlichen Entwicklungsphasen (Freiflächen, Pionierphase, Jungwaldphase, Schlusswaldphase, Optimalphase, Plenterphase, Altersphase, Zerfallsphase, Zusammenbruchsphase) den Waldstandortstypen (Waldgesellschaften) entsprechend vertreten sein sollen. Da dieser Wunsch in einem Gebirgskanton mit wichtigen Schutzwäldern nicht ohne weiteres erfüllt werden kann, war man auf der Suche nach Ersatzlebensräumen in unserer Kulturlandschaft, welche die Ansprüche an die Artenvielfalt wenig­stens teilweise zu erfüllen vermögen. Wegweisend ist dabei die Erkenntnis, dass vom Menschen geprägte Nutzungsformen und Landschaftstypen nicht à priori gegen den Naturschutzgedanken sprechen, sondern oft zur Erhöhung der Artenvielfalt, namentlich bei den Pflanzenarten, beigetragen haben. Gefragt ist deshalb neben naturbelassenen Flächen und speziellen Begleitmassnahmen auch die Erhaltung wertvoller kulturlandschaftlicher Nutzungsformen. Diese neue Philosophie stellt zusätzliche Anforderungen an die Umsetzung des Naturschutzgedankens.

Aufgaben von Bund und Kanton

Im Rahmen verschiedener internationaler Vereinbarungen hat sich die Schweiz zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität und zum Naturschutz allgemein verpflichtet. Der Bund hat vor allem dafür zu sorgen, dass diese von der Schweiz mitgetragenen Beschlüsse in den Kantonen auch umgesetzt werden, dass also die im weitesten Sinne nachhaltige Nutzung der Wälder und die Erhaltung und Förderung der Biodiversität in die forstlichen Planungen und Tätigkeiten einbezogen werden. Da die gesetzlichen Vorschriften gegenüber den Kantonen teilweise nur "Kann-Formulierungen" enthalten, verbleiben als Aufgaben für den Bund

  • die Sicherstellung der internationalen Verpflichtungen
  • die Förderung der kantonalen Aktivitäten durch:
  • finanzielle Mittel und damit verbundene Auflagen,
  • Information und fachliche Hilfestellung an die Kantone,
  • Koordination der kantonalen Aktivitäten aus nationaler Sicht.

Zu diesem Zweck macht der Bund Vorgaben betreffend naturnahen Waldbau und die Berücksichtigung von Naturschutzanliegen bei beitragsberechtigten Projekten. Er hat aber auch verlangt, dass ein von ihm genehmigtes kantonales Waldreservatskonzept vorliegen müsse, sofern für Reservate Bundeshilfen beansprucht werden.

Der Vollzug der Vorgaben des Bundes liegt bei den Kantonen und bei den Waldbesitzern. Die Bemühungen einiger Bündner Gemeinden im Natur- und Landschaftsschutz auf freiwilliger Basis sind vorbildlich. Finanziell stossen jedoch die meisten Waldbesitzer an Grenzen. Der Kanton Graubünden seinerseits hat die Erhaltung der Artenvielfalt als wichtige Aufgabe unserer Gesellschaft erkannt und in der kantonalen Waldgesetzgebung festgeschrieben. Gleichzeitig hat er auch die rechtlichen Grundlagen für die finanzielle Unterstützung der Waldbesitzer geschaffen.

Mit dem Ziel, dem Naturschutzgedanken mehr Gewicht zu verleihen, hat das Amt für Wald ein "Rahmenkonzept Naturschutz im Wald" und eine entsprechende Wegleitung für Waldreservate erarbeitet. Dieses Konzept wurde am 1. Mai 2000 vom damaligen BUWAL (Eidg. Forstdirektion, heute BAFU) und am 2. Oktober 2000 von der Bündner Regierung genehmigt. Das Amt für Wald hat den Auftrag, das Konzept umzusetzen und ämterübergreifende Tätigkeiten zu koordinieren.

Rahmenkonzept Naturschutz im Wald

Das Hauptziel des Naturschutzes ist die Erhaltung der Biodiversität, d.h. die Erhaltung der einheimischen Arten und ihrer Lebensräume in ihrer ganzen Vielfalt.

Die Evolutionsgeschichte lehrt, dass Arten sehr langfristig nichts Statisches sind, sondern einem Selektions- und Anpassungsdruck unterliegen oder sich durch spontane Mutationen verändern können. Deshalb ist Erhaltung der einheimischen Artenvielfalt nur bei gleichzeitiger Erhaltung der natürlichen genetischen Vielfalt möglich.

Mit der Erhaltung der Vielfalt der Lebensräume ist unter anderem dir Zulassung natürlicher Prozesse gemeint. Zahlreiche Arten sind auf Freiflächen, Altholz oder Totholz angewiesen. Deshalb gehört die Ermöglichung von natürlichen Entwicklungsphasen, welche im bewirtschafteten Wald fehlen, ebenfalls zur Erhaltung der Biodiversität.
Weitere wichtige Ziele sind

  • die Erhaltung und Förderung seltener und gefährdeter Arten und Lebensräume
  • die Erhaltung wertvoller kulturlandschaftlicher Nutzungsformen
  • die Erhaltung und Förderung geeigneter Lebensräume als Beobachtungs- und Lernobjekte.

Mit geeigneten Massnahmen sollen negative Einflüsse beseitigt, gemildert oder vermieden und positive Einflüsse gefördert werden.

Vernetzung von Lebensräumen durch vernetztes Denken und Handeln

Das Rahmenkonzept Naturschutz im Wald soll die Bemühungen um eine gemeinsame Naturschutzpolitik im Wald, im Einklang mit der Wald-, Umweltschutz- und Jagdpolitik, fördern.
Da die Vielzahl der Arten und ihrer Ansprüche an den Lebensraum in der forstlichen Praxis schwierig überblickbar ist, konzentriert sich der Naturschutz im Wald in erster Linie auf indirekte Merkmale, d.h. auf das Angebot und die Qualität ihrer Lebensräume.

Die Umsetzung des Naturschutzes im Wald beinhaltet vier Strategien:

Naturnahe Waldwirtschaft auf der gesamten Fläche

Birken-Pionierwald

Wichtigste Ziele:

  • Zulassen von Pionierphasen ohne Pflanzungen, wo kein Handlungsbedarf wegen der Schutzfunktion besteht (natürliche Wiederbewaldung von Kahl- und Schadenflächen);
Naturverjüngung Tanne
  • so weit wie möglich natürliche Waldverjüngung mit standortheimischen Baumarten (Pflanzungen nur in begründeten Situationen und als Ausnahme);
wilder Nussbaum
  • Erhaltung und Förderung seltener und gefährdeter Baumarten;
bizarre Buchengestalten
  • Stehenlassen spezieller Baumindividuen (sehr grosse und/oder sehr dicke Einzelbäume, auffällige Wuchsformen ohne wirtschaftliche Bedeutung);
Altholzinsel
  • vermehrtes Stehenlassen von Stark- und Altholz in geeigneter räumlicher Verteilung;
liegendes Totholz
  • Förderung von stehendem und liegendem Totholz in geeigneter Verteilung und Dimension;
Spechtlöcher
  • Förderung besonderer Strukturen mit Höhlenbäumen, Erhaltung vielfältiger Bodenstrukturen, Förderung von Randstrukturen an Bestandes- und Waldrändern etc.

Gezielte Pflegemassnahmen zur Erhaltung seltener und gefährdeter Lebensgemein-schaften sowie besonderer kulturlandschaftlicher Nutzungsformen

vielfältiger Waldrand

Wichtigste Ziele:

  • Erhaltung und Förderung reichhaltiger Waldränder und Hecken; Freihalten von Blössen; Erhaltung naturkundlich wertvoller Waldbestände; Anlegen und unterhalten von Amphibienteichen etc.
Eichenhain
  • Erhaltung spezieller Bewirtschaftungsformen wie Niederwald, Weidwald, Kastanien- und Nussbaumselven, Eichenhaine; Schaffung und Unterhalt von Sonderwaldreservaten zu deren Sicherung

Erhaltung der natürlichen Dynamik in seltenen und gefährdeten Lebensgemeinschaf-ten sowie in ausgewählten Beispielen häufiger Waldstandorte durch Verzicht auf jeg-liche forstliche Nutzung

obere Waldgrenze mit Arven, Lärchen und Fichten
obere Waldgrenze mit Arven, Lärchen und Fichten

Wichtigste Ziele:

  • Nutzungsverzicht in Wäldern, die schon lange nicht mehr genutzt wurden, in denen aus wirtschaftlichen Gründen in absehbarer Zeit auch keine Nutzungen mehr durchgeführt werden und die zur Aufrechterhaltung der Schutzwirkung auch keine intensive Pflege benötigen
Naturwaldreservat
  • Naturwaldreservate mit häufigen, repräsentativ ausgewählten Waldstandortstypen (Waldgesellschaften)
Bergahornwald
  • Naturwaldreservate von seltenen Waldstandortstypen

Spezielle Massnahmen zugunsten ausgewählter stark gefährdeter Pflanzen- und Tier-arten

Birkhahn

Wichtigste Ziele:

  • Erhaltung und Verbesserung der Lebensräume durch waldbauliche Massnahmen

Zweifellos wird der naturnahen Waldwirtschaft auch in Zukunft mit Abstand der grösste Stellenwert beigemessen. Die Ausscheidung von Sonderwaldreservaten und von Naturwaldreservaten sowie der spezielle Schutz einzelner stark gefährdeter Arten stellen jedoch wichtige Ergänzungen des Naturschutzes im Wald dar.

Zweifellos wird der naturnahen Waldwirtschaft auch in Zukunft mit Abstand der grösste Stellenwert beigemessen. Die Ausscheidung von Sonderwaldreservaten und von Naturwaldreservaten sowie der spezielle Schutz einzelner stark gefährdeter Arten stellen jedoch wichtige Ergänzungen des Naturschutzes im Wald dar.

Quellen:

  • Bühler, U.: 2006. Das Konzept Naturschutz im Bündner Wald. Bündnerwald Nr.1, S. 19-24
  • Sandri, A.: 2001. Naturschutz im Wald aus der Sicht der forstlichen Praxis. Bündnerwald Nr.1, S.28-32
  • Scherzinger, W.: 1996. Naturschutz im Wald. Qualitätsziele einer dynamischen Waldentwicklung. Stuttgart: Ulmer, 447 S. ISBN 3-8001-3356-3
  • Zuber, R.: 2000. Rahmenkonzept Naturschutz im Wald. Amt für Wald Graubünden. Internes Dokument. 17 S. + Beilagen A-D
  • Zuber, R.: 2001. Naturschutz im Wald aus der Sicht des Amtes für Wald. Bündnerwald Nr.1, S. 23-27

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