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Schutzwaldpflege

Einst: Plünderung und Raubbau

Vor der gesetzlichen Regelung der Waldnutzungen und der Einführung der nachhaltigen Waldbewirtschaftung war die Waldlandschaft im Alpenraum weitgehend geprägt durch:

  • unkontrollierte Nutzungen nach eigenem Ermessen

Die Nutzungsberechtigten haben in ihren eigenen Wäldern, in Gemeinschaftswäldern oder auf zugewiesenen Flächen nach Belieben für den Eigenbedarf in Haus und Hof ohne bestimmte Regeln frei Holz geschlagen. Gefällt wurden Bäume, die dem Bedarf am ehesten entsprachen und sich wenn möglich in nächster Nähe befanden. Sicher wurde für den jeweiligen Zweck das relativ beste Holz ausgesucht. Gab es Lücken im Wald, so war dies für die Beweidung umso besser. Dem Nachwuchs wurde kaum Beachtung geschenkt. Diese Art der Nutzung nannte man Plenterung, obwohl der Begriff „Plünderung“ passender gewesen wäre. Was stehen blieb, waren ungleichmässige, lückige, des schönsten Holzes beraubte Waldbestände – Reste einer misshandelnden Wirtschaftsweise.

  • Kahlschläge von verkauften Waldteilen

Wegen des Holzhungers und der dringend notwendigen Einnahmen der Gemeinden erfolgten serienweise Kahlschläge, ja Abholzungen ganzer Talhänge. Damit konnte der Bedarf der  ver­schiedenen Gewerbe wie Bergbau, Salinen, im Jura und in anderen Ländern auch der Glashüt­ten, gedeckt werden. Daneben entstand ein reger Holzhandel mit  Flössereiunternehmen oder direkt mit grösseren Siedlungen und dem benachbarten Ausland. Die grossen Holzschläge wurden meistens an Gesellschaften verkauft. An die Wiederbepflanzung oder an Saaten wurde kaum gedacht. Häufig folgten auf den Kahlflächen Hochstauden, Gras und Gebüsch, oder der Boden wurde abgeschwemmt resp. Opfer von Erosionen, und mancherorts folgten Lawinenniedergänge, Steinschlag und Rutschungen. Nicht überall vermochte sich der Wald wieder zu etablieren.

klassischer Bannwald
  • Bannwälder mit Verbot jeglicher Holznutzung

Bannwälder stellten flächenmässig einen sehr bescheidenen Teil des Gebirgswaldes dar. Nicht alle Bannbriefe hatten genau den gleichen Inhalt. Viele Bannwälder dienten dem unmittelbaren Schutz von Siedlungen vor Lawinen, Steinschlag und Erdrutschen. Es gab aber auch Bannwälder zur Schonung der Holzvorräte. In der Regel war in einem Bannwald jegliche Holznutzung untersagt. Doch die Durchsetzung war nur möglich, indem man gleichzeitig die Beweidung und teilweise die Streunutzung weiterhin zuliess. Gerade dies führte zur ausbleibenden Verjüngung, der zunehmenden Auflichtung und Überalterung und schliesslich da und dort auch zu Zusammenbrüchen durch Stürme und Lawinenniedergänge.

sehr lange plenterartig gepflegter
  • weniger stark übernutzte Wälder

Obwohl aus forstpolitischer Sicht stets von ausgeplünderten und kahlgeschlagenen Wäldern die Rede ist, gab es daneben zweifellos auch weniger intensiv genutzte Waldteile. Wo die Holzreserven für kommende Jahre ausreichten und die Wälder etwas weniger gut zugänglich waren, darf man den Waldeigentümern und den Gemeindebehörden durchaus zugestehen, dass ein Teil ihrer Wälder auch schonender behandelt worden ist. Wie anders wären jene ungleichförmig und vor allem ungleichaltrig aufgebauten Waldbestände zu erklären, wo doch die Bäume in Berglagen ohne weiteres 200 – 300 Jahre alt werden? Über das Ausmass dieser etwas naturnäheren Wälder gibt es keine verlässlichen Angaben.

beweideter subalpiner Fichtenwald

Mit einiger Sicherheit darf davon ausgegangen werden, dass kaum eine Waldfläche vor dem Weidgang, namentlich durch Ziegen, verschont blieb. Die grossflächigen Kahlschläge liessen in der Regel keine für den zukünftigen Wald einigermassen brauchbare Restbestockung zurück. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, war bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. fast jede Waldfläche irgendwie durch menschliche Einflüsse geprägt.

Über Irrwege zum naturnahen Waldbau

Verständlicherweise hatten die Forstleute im 18. und 19. Jh. keine einfache Aufgabe, die Waldbesitzer und die Gemeinden von der Notwendigkeit einer geregelten Waldwirtschaft zu überzeugen. Noch fehlten die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen sie zielbewusst hätten aufbauen können. Unzulängliche Gesetze gaben ihnen nur einen sehr schwachen Rückhalt. Am weitaus schwierigsten war das Ankämpfen gegen den harten und nimmermüden Freiheitswillen der Bevölkerung, die sich mit dem staatlichen Eingriff in ihre angestammten Rechte und Gewohnheiten nicht abzufinden vermochte.

Obwohl die Plenterung an vielen Orten nicht bis zum Exzess getrieben wurde, war sie den „planenden“ Forstleuten, welche ihre Ausbildung damals an deutschen Fachschulen erlangten, ein Dorn im Auge. In ungleichaltrigen, stufigen Waldbeständen herrschte nach ihrer Auffassung keine Ordnung. Man konnte sie nicht im Sinne eines Flächenfachwerks in Jahresportionen für die Freigabe zur Nutzung einteilen, weil die Schätzung von Vorrat und Zuwachs schwieriger war als im gleichförmigen Hochwald. Im Gebirge war schon gar nicht an ein derartiges Ansinnen zu denken, weil dort Bodenbeschaffenheit, Hangneigung, Exposition und Baumarten ständig wechselten. So ging man über zu einem Massenfachwerk und teilte jedem Jahr eine gleich grosse Nutzungsmenge (Masse) zu. Dies erforderte hingegen eine sehr genaue Einschätzung von Vorrat und Zuwachs.

Weil die Planung und Nutzungsfreigabe in gleichaltrigen Waldparzellen wesentlich einfacher war, wechselte man auf das Altersklassenmodell des gleichförmigen Hochwaldes. Dies führte unweigerlich zur Kahlschlagwirtschaft, allerdings zu einer Kahlschlagwirtschaft, welche nicht mehr ganze Talhänge entblösste, sondern in geplanter Abfolge nach Überlegungen der Nachhaltigkeit eher schmale Flächen sukzessive zur Nutzung freigab. Die heutigen älteren gleichförmigen Fichtenwälder im Mittelland und in den Voralpen sind weitgehend das Erbe dieses Denkens nach der Reinertragslehre, des „Holzackerbaus“ nach deutschem Vorbild. Oberstes Ziel war, schnell möglichst viel Holz produzieren zu können, das sich auf dem Markt gut absetzen lässt. Windwürfe, Pilzbefall, Borkenkäferkalamitäten, Versauerung der Böden, nachlassende Ertragsfähigkeit dieser Fichtenmonokulturen sind inzwischen hinlänglich bekannt.

Auch in Gebirgslagen gibt es derartige Fichtenreinbestände. Wegen des langsameren Wachstums in höheren Lagen dauert deren „Umbau“ in naturnähere Bestockungen wesentlich länger. Doch die heutigen Fichtenreinbestände in der hochmontanen und subalpinen Höhenstufe sind zum Teil auch auf Wiederherstellungen zerstörter Wälder durch Aufforstungen, auf einwachsende Flächen und zum Teil auf einseitige Entnahme von Tannen und Buchen zurückzuführen.

Ein allmähliches Umdenken fand erst Ende des 19. Jh. statt. Inspiriert durch Karl Gayer, Waldbauprofessor in München, setzte sich Professor Arnold Engler an der ETH Zürich (1897-1928) für einen naturnahen Waldbau nach folgenden Grundsätzen ein:

  • Erziehung standortgerechter ungleichaltriger Mischwälder
  • regelmässige Pflege der heranwachsenden Waldbestände (Durchforstungen)
  • kleinere Lichtungshiebe und natürliche Verjüngung mithilfe von Samenbäumen

Walter Schädelin propagierte die Auslesedurchforstung zur Maximierung der Wertholzproduktion (1928-1939) und führte gleichzeitig wieder die räumliche Ordnung ein, welche den schweizerischen Femelschlagbetrieb kennzeichnet.

Urwald Scatlè Brigels

Eine breite Generation von Forstingenieuren verdankt Hans Leibundgut die Fortsetzung und Verbesserung dieses Waldbauunterrichts (1939-1979). Leibundguts grosses Vorbild waren die Urwälder, in welchen die natürlichen Abläufe besonders gut beobachtet werden können. Waldbau auf standortskundlicher Grundlage, unter weitestgehender Ausnützung der natürlichen Selbstregulierungsmechanismen, bei grösstmöglicher Wertholzproduktion und Erhaltung der Ertragsfähigkeit des Standortes, war die Grundphilosophie, welche auch heute noch den schweizerischen Waldbau von der collinen bis zur obermontanen Höhenstufe zur Hauptsache prägt. In dieser Zeit wurden das schweizerische Femelschlagverfahren und die Plenterwaldwirtschaft als ideale Formen der Nachhaltigkeit stark propagiert. Immer mehr zeigte sich, dass neben der Holzproduktion auch die Wohlfahrtsfunktionen durch diesen Waldbau mitberücksichtigt werden können.

Die Centralanstalt für das forstliche Versuchswesen (heute Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, WSL) hat die Waldbaulehre Englers und späterer ETH-Professoren mitgetragen und durch Forschungsarbeiten zur laufenden Verbesserung der Erkenntnisse verholfen. Namentlich in den Bereichen Waldertragskunde, Forsteinrichtung, Bodenkunde, Standortskunde, Vegetationskunde, Entomologie, Pathologie etc. hat sie wichtige Grundlagenarbeit geleistet und den Unterricht in den waldbaulichen Hilfsdisziplinen unterstützt.

Die Plenterung wurde nicht überall in der Schweiz als „Plünderung“ missverstanden. Insbesondere im kleinparzellierten bäuerlichen Privatwald des Emmentals, später auch in weiten Teilen der Voralpen und vor allem im Jura, galt der Plenterwald als ideale Waldform, aus welcher die „Selbstversorger“ jederzeit verschiedenste Holzsortimente für den eigenen Bedarf beziehen können. Der Plenterwaldgedanke wurde vom Berner Forstmeister R.Balsiger aufgegriffen und von W.Ammon im Emmental gefördert. H.Biolley und E.Favre setzten die Idee im
Kanton Neuenburg um und entwickelten auch die Kontrollmethode für die Nachhaltigkeit.

Die wesentlichen Vorteile des Plenterwaldes sind die geringe Gefährdung des Waldbestandes, die Stetigkeit der Holzproduktion, die günstige und ununterbrochene Schutzwirkung, die ausschliesslich natürliche Verjüngung, die höchstmögliche Ausnützung aller individuellen Zuwachskräfte, die Wertholzproduktion usw.

Anfänge des Gebirgswaldbaus

G.Zötl, damaliger Assistent an der k.k. Forstlehranstalt in Mariabrunn, verfasste im Jahre 1831 das erste zukunftsweisende Gebirgswaldbau-Buch (Handbuch der Forstwirthschaft im Gebirge). Er erkannte schon klar entscheidende waldbauliche Grundsätze für die Pflege und Verjüngung der Schutz- und Bannwälder, die eine langdauernde, aber letztlich begrenzte Stabilität besitzen. Er sah auch die Gefahren durch den flächigen Zusammenbruch mehr oder weniger gleichaltriger Schutzwälder voraus und verlangte die langfristige Vorausplanung der Schutzwaldverjüngung. Aber seine Erfahrungsgrundsätze wurden ungenügend, meist überhaupt nicht berücksichtigt. Daran änderte auch in der Schweiz vorerst nicht allzu viel, nachdem der Schweizerische Forstverein die Schrift auf eigene Kosten gedruckt und zu einem Markstein der schweizerischen Schutzwaldpolitik erklärt hatte.

Der schweizerische Gebirgswaldbau wurde noch weit in die zweite Hälfte des 20. Jh. hinein entweder stark durch die „neuen Lehren“ der ETH Zürich (Zürcher Forstschule) beeinflusst, oder die Forstleute handelten meist intuitiv, aufgrund eigener Beobachtungen.

Obwohl der Plenterwald die ideale Schutzwaldform darstellt, kann er nicht überall im klassischen Sinn angestrebt werden. Einerseits bedarf es dazu ständiger Pflegeeingriffe durch Holzentnahmen, was eine ausreichende Erschliessung voraussetzt, andererseits funktioniert es nur, wenn die jungen Bäume vorerst unter Schirm aufwachsen können. Dazu eignen sich weder die Lichtbaumarten wie Föhre und Lärche, noch die Hochlagenfichte, welche wesentlich lichtbedürftiger ist als die Tieflagentypen. Es galt also vorerst, den „Gebirgsplenterwald“, welcher inzwischen von zahlreichen Gebirgsförstern angestrebt wurde, zu definieren und die sog. Gruppenplenterung als angepasstes Waldbauverfahren zu etablieren.

naturgegebene Tendenz zu Gleichförmigkeit

Bald zeigte sich, dass die Waldbestände im Gebirge zu Gleichförmigkeit tendieren und in dieser ziemlich stabilen Phase relativ lange verharren. Das Risiko war also kleiner, gleichförmige Wälder länger in einem stabilen Zustand zu belassen, als mit grossem Aufwand und entsprechenden Risiken stufige, plenterartige Strukturen zu erzwingen, welche ohne Nutzungseingriffe auf die Dauer nicht erhalten werden können. Dieses Risiko wie auch die Entstehung der zahlreichen gleichförmigen Wälder im Gebirge und vor allem das langsame Wachstum waren der Hauptgrund, weshalb der Gebirgsplenterwald bis heute nur eine begrenzte Verbreitung gefunden hat.

schwierige Verjüngung in einem von Farnen durchsetzten Fichtenwald

Die Auslesedurchforstung mit der Maximierung der Wertholzproduktion konnte sich im Gebirgswald ebenfalls nicht oder nur begrenzt durchsetzen. Ausschlaggebende Hindernisse waren neben der Entstehung der Gebirgs-Waldbestände vor allem die Risiken der Destabilisierung und die viel langsamere natürliche Verjüngung. Gute Samenjahre stellen sich nicht immer ein, das Wachstum verläuft in Hochlagen langsamer, Lichtungen entsprechen oft diffusen Auflichtungen, in den lichtdurchfluteten Beständen nehmen Vergrasung und Hochstauden überhand und verunmöglichen später die Naturverjüngung. Erschwerend wirken zudem der Einfluss des Schnees, die kurze Vegetationsperiode und der Verbiss durch Schalenwild. Zahlreiche Wälder zeigen heute noch Spuren des Waldbaus, welcher entgegen besseren Wissens vom Mitteland auf das Gebirge übertragen wurde.

In höheren Lagen kann es Jahrzehnte dauern, bis ein gutes Samenjahr auch zum Erfolg einer Naturverjüngung beiträgt. Trockenheit, Frost oder Wildverbiss machen hoffnungsvolle Ansätze zunichte. Deshalb wurden diffus aufgelichtete Waldbestände zu retten versucht, indem in grossem Umfang Unterpflanzungen mit Bäumchen aus dem Forstgarten erfolgten. Häufig war dies auch Bestandteil eines ordentlichen Verjüngungsverfahrens, welches übrigens heute beim Umbau standortswidriger Föhren- und Fichtenwälder (Überführungen) verbreitet praktiziert wird.

Trotz zahlreicher Versuche, Theorien aus dem Waldbau des Mittellandes ins Gebirge zu übertragen, liessen sich Forstleute mit guter Beobachtungsgabe und langjährigem Wirken im gleichen Forstkreis oder Revier davon wenig beirren. Sie machten ihre eigenen Erfahrungen und setzten diese bei der Schlaganzeichnung und bei der Holzernte in die Tat um. Darauf beruht im wesentlichen auch die grosse Freiheit beim schweizerischen (Gebirgs-) Waldbau. Kein Schematismus, keine allgemein gültigen Rezepte sind gefragt. Vielmehr gilt es, bei jedem waldbaulichen Entscheid die Rahmenbedingungen, die Entstehung des Waldbestandes, die natürlichen standörtlichen Gegebenheiten, die Funktionen des Waldes, mögliche Konsequenzen und die wirtschaftlichen Überlegungen mitzuberücksichtigen. Im Gebirge ist dies umso wichtiger, als ein Fehlentscheid sehr lange seine Spuren hinterlässt und fast nicht mehr korrigiert werden kann.

Wesen des Gebirgswaldes

Misserfolge im Gebirgswaldbau sind zur Hauptsache auf die ungenügenden fachlichen Grundlagen über das Wesen des Gebirgswaldes und, darauf beruhend, die fehlende spezifische Ausbildung zurückzuführen. Daneben spielte aber auch die oft fehlende Geduld gegenüber den langsam ablaufenden Lebensvorgängen eine massgebliche Rolle. Ausserdem ver­unmöglichten die Rahmenbedingungen (ungenügende Erschliessung, kostenintensive Holzernte, Erbe früherer Misswirtschaft, Gleichförmigkeit, Wildeinfluss etc.), die Pflege- und Verjüngung der Gebirgswälder nach Idealvorstellungen zu realisieren.

Beobachtung vom Gegenhang aus gibt Einblicke und fördert das Verständnis für komplexe Zusammenhänge im Gebirgswald

Die Gebirgswälder sind, je nach Standort, verschieden zusammengesetzte, in jedem Fall aber äusserst komplex organisierte Lebensgemeinschaften. Wie das Einzellebewesen lässt der Wald als Ganzes da und dort, auf kleineren oder grösseren Teilflächen seine Jugend, seine Reife sowie schliesslich auch sein Alter erkennen. Während ihres Lebensablaufes werden so­wohl die Einzelbäume als auch grossflächige Waldbestände immer wieder durch zahlreiche äussere Einflüsse gefordert, insbesondere bei fortschreitender Alterung und beim Übergang zum Generationenwechsel. Speziell in den höheren Gebirgslagen wird das Klima zunehmend unwirtlicher, und Gefährdungen wie Stürme, Schnee-Einwirkungen, aber auch Pilzkrankheiten am Jungwald oder Insektenkalamitäten können ein extremes Ausmass annehmen. Im Vergleich zu den günstigeren und ausgeglicheneren Umweltverhältnissen in den tieferen Lagen sind Gebirgswälder wesentlich härteren und oftmals existenzbedrohenden Umweltbedingungen ausgesetzt.

Besonderheiten des Gebirgswaldes sind:

  • Mangel an Wärme für die Verjüngung (Ansamung, Anwuchs) und für das Baumwachstum (kurze Vegetationsperiode)
  • hohe und langandauernde Schneedecke
  • starke Sonneneinstrahlung
  • trockene Luft
  • Temperaturextreme (inkl. Frost, Frosttrocknis)
  • steile Hanglagen, rasch wechselnde Expositionen
  • baumfeindliche Kleinstandorte (Mulden, Vernässungen, Windgassen, Schneetälchen, trockene Kuppen etc.)
  • Stürme und rasche Vermehrung von Borkenkäfern
  • verlangsamter Abbau der Nadelstreu, Moder- und Rohhumusauflagen
  • üppig wuchernde Bodenvegetation (Gras, Hochstauden)
  • langsame Wachstumsvorgänge und lange Lebensdauer der Bäume
  • begrenzte Auswahl standortheimischer und weiterer standorttauglicher Baumarten
Kleinkollektive im subalpinen Fichtenwald

Gebirgswälder verfügen über Anpassungen und Abwehrmechanismen, um im rauhen Klima der Hochlagen bestehen zu können. Ein bekanntes Beispiel ist die Ausformung von kleinen Baumkollektiven („Rotten“) im subalpinen Fichtenwald. Dies sind gewissermassen kleine Wäldchen im Wald, welche sich nach aussen mit einem bis an den Boden reichenden Kronenmantel gegenüber Stürmen, Schnee und Temperaturextremen schützen. Der Schnee lagert sich zwischen diesen Baumkollektiven und in sog. „Windgassen“ ab. Daneben haben die Fichten in Hochlagen in der Regel eine schmale Krone (Plattenfichten oder mindestens Bür­stenfichten), ein weiterer Schutz gegen zu grosse Schneelasten. Die Lärchen schützen sich gegenüber Schnee und Staublawinen, indem sie im Spätherbst ihr Nadelkleid abwerfen.

Die immergrünen Nadelbäume (Fichte, Tanne, Arve, Bergföhre) sind in der Lage, bei entsprechender Wärme im Frühjahr und Sommer sofort zu assimilieren, d.h. lebensnotwendige Nährstoffe aufzubauen, Holz anzusetzen, Blüten zu bilden, Zapfen reifen zu lassen etc., ohne vorher zuerst neue Blätter zu produzieren. Vor allem in Hochlagen mit kurzer Vegetationsperiode ist dies ein entscheidender lebensnotwendiger Vorteil. Die Lärchen ihrerseits sind weniger kälteempfindlich und vermögen relativ früh wieder auszutreiben.

Verjüngung auf Moderholz

Ein besonderer Vorteil verschiedener Baumarten ist ihre Fähigkeit, auf vermoderndem Holz zu keimen und aufzuwachsen. Dies sind in der Regel etwas erhöhte Stellen, welche früher ausapern, entsprechend mehr und länger Wärme und Licht bieten und vor allem nicht der Konkurrenz durch Gras und üppige Hochstauden ausgesetzt sind. Oft sind es auch Stellen, die weniger durch Gleitschnee beeinträchtigt werden. Diese typische und fast überall zu beobachtende Verjüngungsstrategie ist oft die einzige Chance für die natürliche Waldverjüngung.

gleichförmiger Fichtenwald in der hochmontanen Stufe

Ein bisher allgemein zu wenig beachtetes Merkmal ist die generelle Tendenz zur Gleichförmigkeit, namentlich auf wüchsigen Standorten. Sobald die Jugendphase durchwachsen ist, schliessen die Bäume mit den Kronen zu ihren Nachbarn in der Oberschicht auf, was eine Gleichförmigkeit und Gleichaltrigkeit vortäuscht. In der Tat verbleiben jedoch solche ungleichaltrigen Waldbestände sehr lange in einer recht stabilen Phase und schützen sich gegenseitig vor Sturmangriffen. Im Naturwald erfolgen Alterung und Zerfall solcher Wälder nur selten flächig, es sei denn, einem aussergewöhnlich starken Sturm oder einem intensiven Nassschneefall vermöchten auch stabile Bäume nicht genügend Widerstand entgegenzubringen.

durch Felssturz überforderter Wald

Daneben sind die Waldbäume verschiedensten Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag, Starkniederschlägen etc. ausgesetzt, welche auch zu Schäden an Menschen und Sachwerten führen können.

Kulturlandschaftlich geprägte Bergwälder

ehemals intensiv beweideter Wald

Bergwälder stellen ein Kulturerbe dar, sind also weit entfernt vom Urwald, in welchem sich die natürlichen Einflüsse weitgehend selbständig einpendeln. Einige Merkmale von kulturlandschaftlich geprägten Gebirgswäldern der Alpen sind:

  • Gleichaltrigkeit nach Aufforstungen und natürlich einwachsenden Kahlflächen
  • verbreitete Stammfäulnis infolge früherer Beweidung, Steinschlag oder Holzernteschäden (v.a. früher häufiges Reisten)
  • unnatürliche Baumartenmischungen (Aufforstungen, selektive Entnahme von Tannen und Buchen etc.)
  • lückige Bestände (aktuell oder bis vor kurzem beweidete Wälder)
  • einwachsende Wälder nach Beweidung (Lärchen- und Fichten-Überhälter)
  • Wälder mit ungenügender oder fehlender Verjüngung (Einfluss Schalenwild, diffuse Auflichtungen)
  • lückige Waldbestände nach grösseren Schadenereignissen und Borkenkäferbefall (z.B. Sturm Vivian 1990, Lawinenniedergänge, Rutschungen)
  • instabile Waldbestände wegen ausbleibender Nutzung und Pflege

Entwicklung der modernen Gebirgswaldpflege

Schutzwald in einer vielfach genutzten Landschaft

Mit der intensiveren Nutzung der Gebirgslandschaften mehren sich auch die Ansprüche an den Gebirgswald. Die partikulären Sonderinteressen werden nicht selten polarisierend vertreten, mit dem Absolutheitsanspruch des „Entweder- oder Standpunktes“. So sollte letztlich in der Summe aller Anforderungen derselbe Lawinenschutzwald zugleich sowohl maximal funktionssicher wie natürlich sein, maximal viel Schalenwild beherbergen, touristisch möglichst zweckdienlich sein, die Luftschadstoffe ausfiltern und verkraften, allfälligen Klimaverände­rungen gewachsen sein usw.! Zudem sollte er dem Waldbesitzer mindestens keine Defizite verursachen sowie auch die Öffentlichkeit finanziell nicht allzusehr belasten.

Nicht nur die Gebirgswälder (hochmontane und subalpine Lagen) sondern auch die Bergwälder sind sehr sensibel und weisen eine geringe Störungstoleranz auf. Sie lassen sich sehr beschränkt oder überhaupt nicht nach unseren wechselhaften Bedürfnissen „modellieren“. Denn wie die Ökosystemforschung zeigt, haben auch die Waldlebensgemeinschaften ihre unabänderlichen „Bedürfnisse“ bzw. Lebensgesetzmässigkeiten, die von unserer Gesellschaft wie auch von den Waldbesitzern und dem Forstdienst zu respektieren sind. Für die dauernd optimale Erfüllung all der verschiedenen Waldbeanspruchungen gibt es deshalb nur einen einzigen gemeinsamen Nenner: möglichst gesunde und stabile Berg- und Gebirgswälder! Im Idealfall sind dies naturnahe, kleinflächig möglichst ungleichaltrig-stufige Waldbestände.

Diese Erkenntnis ist eigentlich nicht ganz neu. Lediglich die Ansprüche haben sich in den vergangenen Jahrzehnten schwergewichtsmässig etwas verlagert. Schon früher wusste man, dass naturnahe Waldpflege auf standortskundlicher Grundlage der Multifunktionalität des Waldes nachhaltig und mit geringstem Aufwand gerecht wird. Dadurch kann viel und wertvolles Holz produziert und gleichzeitig den vielfältigen Ansprüchen an Schutz und Wohlfahrt in idealer Weise begegnet werden. Einzig die Rahmenbedingungen lassen ein ideales Vorgehen häufig nicht zu. Jeder Entscheid im Gebirgswald stellt diesbezüglich einen Kompromiss dar.

Am damaligen Institut für Waldbau der ETH Zürich war man sich bewusst, dass die verfügbaren Kenntnisse und Grundlagen nicht ausreichen, um angehende Forstleute auf Hochschulstufe in Gebirgswaldbau auszubilden. Als erster Schritt wurde ab etwa 1975 eine Vorlesung mit Übungen in Gebirgswaldbau angeboten. Daneben konnten im Jahre 1973 zwei neue Gebirgslehrwälder in Novaggio und in der Gemeinde Tujetsch geschaffen werden, welche dem Anschauungsunterricht wie auch der Forschung dienen. Im Jahre 1980 erhielt Ernst Ott den Auftrag, das Angebot an Vorlesungen und Übungen in Gebirgswaldbau auszuweiten und zu institutionalisieren.

Der Bedarf an Ausbildung in Gebirgswaldbau wurde auch in Österreich erkannt. Besondere Verdienste erlangte dabei Professor Hannes Mayer, welcher an der Universität für Bodenkultur in Wien unterrichtete. Sein Buch „Gebirgswaldbau – Schutzwaldpflege“ aus dem Jahre 1976 erlangte in Zusammenarbeit mit Ernst Ott 1991 eine Zweitauflage und gilt bis heute als Standardwerk.

Eines Wissensnotstandes in Gebirgswaldbau waren sich auch das damalige Bundesamt für Forstwesen und Landschaftsschutz, die Konferenz der kantonalen Forstdirektoren und die Kantonsoberförsterkonferenz bewusst. Sie beauftragten deshalb den Bündner Kreisförster Nicolin Bischoff im Jahre 1979 mit der Entwicklung einer Methodik zur Bewirtschaftung und Pflege der schweizerischen Gebirgswälder, der Erarbeitung von didaktischem Material für die Weiterbildung von Forstingenieuren und Förstern, der Beratung der kantonalen Forstdienste, dem Sammeln von Beobachtungen, Erfahrungen und Anregungen für die Gestaltung von Forschungsprogrammen und praktischer Forstpolitik sowie dem Verfassen von Wegleitungen für die Bewirtschaftung und Pflege des Gebirgswaldes. Die zahlreichen Kurse im ganzen schwei­zerischen Gebirgsraum wie auch in angrenzenden Ländern sowie die gute Aufnahme seines Schlussberichtes „Pflege des Gebirgswaldes“ (1984) sind beredtes Zeugnis eines effektiven Bedarfs in der forstlichen Praxis. Das Gebirgswaldpflegeprojekt I (GWP I) von Nicolin Bischoff hat Ernst Zeller, vormals Direktor an der Försterschule Maienfeld, als GWP II wei­tergeführt. Heute leitet Raphael Schwitter am Bildungszentrum Wald in Maienfeld die Fachstelle Gebirgswaldpflege.

Die Entwicklung des Gebirgswaldbaus aus dem klassischen Waldbau der Tieflagen stellt unter den geschilderten Umständen gewissermassen einen Spagat, ja fast eine Revolution unter Forstleuten dar. Sie konnte nur gelingen, weil sowohl Forstleute mit praktischer Erfahrung an der Front, Lehrer an den Hochschulen und den Försterschulen als auch Vertreter der Forschungsinstitutionen, namentlich der WSL, sich gegenseitig austauschen, ihre Wünsche und Bedürfnisse vorbringen und bereits sind, in ihrem Aufgabenbereich weiter daran zu arbeiten. Mit diesem Ziel vor Augen hat Leo Lienert, damaliger Kantonsoberförster von Obwalden, zusammen mit Nicolin Bischoff, Ernst Ott und Ernst Zeller im Jahre 1984 die Schweizerische Gebirgswaldpflegegruppe (GWG) gegründet. Ursprünglich als Dialogplattform gedacht, hat sich die GWG in der Zwischenzeit zu einem eigentlichen Kompetenznetz für Gebirgswaldpflege etabliert. Ihr gehören Vertreter der Kantone mit Gebirgswald, einzelner benachbarter Länder in Österreich, Deutschland, Liechtenstein und Frankreich, von Forschungsstellen, Hochschulen (ETH, FH Zollikofen), Försterschulen, des Bundesamtes für Umwelt und der Privatwirtschaft an. Die GWG hat mit ihren Wünschen und Erfahrungen seither die Lehre und Forschung wie auch den praktischen Waldbau in Berglagen massgeblich beeinflusst. Ein Umdenken ist unverkennbar, und die bisherigen Ergebnisse im Wald dürfen sich zeigen lassen, wenn auch eigentliche Erfolge erst langfristig erkennbar sind.

Auf der anderen Seite haben Lehre und Forschung wesentlich zum gemeinsamen Fortschritt beigetragen. Dank praxisorientiertem Unterricht an der ETH, später auch an der FH Zollikofen, sowie auf den Gebirgswald ausgerichteter Forschungsprogramme ist es gelungen, verschiedene Dissertationen, Diplomarbeiten und Projekte auszuführen, welche auch der Gebirgswaldpraxis einen unmittelbaren Erkenntnisgewinn bringen.

Urwälder brauchen keine Pflege

Altersphase im Naturwaldreservat Pardiala Waltensburg

Anhand der Geschichte der Waldnutzung kann nachgewiesen werden, dass der Mensch den „Urwald“ nicht deshalb zerstört hat, weil er Angst hatte vor flächigen Zusammenbrüchen und damit dem vorübergehenden Verlust der Schutzwirkung. Damals war das Denken in grossen Zeiträumen und in ökologischen Zusammenhängen bei weitem nicht so ausgeprägt wie heute. Es fehlte auch das Grundwissen dazu. Anders lassen sich die bedenkenlosen und oft leichtfertigen Waldzerstörungen mit entsprechenden Schäden durch Naturereignisse kaum erklären. Früher hatten das Holz für den Eigenbedarf und die Beschaffung von Einnahmen durch den Verkauf von Waldschlägen resp. von Holz eindeutig Vorrang. Die Erkenntnisse über die Dynamik in Urwäldern, welche schliesslich zur Festigung des naturnahen Waldbaus und zur Weiterentwicklung der Gebirgswaldpflege führten, sind erst neueren Datums. Aus schweizerischer Sicht hat sich Hans Leibundgut bereits in den 1930er Jahren intensiv mit der Urwaldforschung befasst und seither immer wieder die Ausscheidung geeigneter Naturwaldreservate zu Zwecken der waldbaulichen Forschung verlangt. Unter „geeignet“ hat er eine genügende Anzahl Reservate auf repräsentativen Standorten und mit entsprechender Grösse gemeint. Denn Gesetzmässigkeiten aus Osteuropa resp. aus Tieflagen (Buchenwald- und Tannen-Buchenwaldstufe) lassen sich nicht auf Hochlagen mit Tannen-Fichten-, Fichten- und Lärchen-Arvenwäldern übertragen.

Phasenfolgen im Urwald (nach H.Leibundgut, 1978)

Im Naturwald (Urwald) werden aufgrund der Struktur folgende Zustands- oder Entwicklungs­phasen unterschieden:

  • Jungwaldphase
  • Optimalphase
  • Altersphase
  • Zerfallsphase
  • Verjüngungsphase
  • Plenterwaldphase
Zerfallsphase im Urwald Scatlè Brigels

Phasenfolgen im Urwald (nach H.Leibundgut, 1978)
Diese Phasen bestehen in europäischen Urwäldern zumeist gleichzeitig nebeneinander, wobei gewöhnlich die Optimal- und die Altersphase flächenmässig entsprechend ihrer langen Dauer weitaus am stärksten vertreten sind. Die Abfolge und der zeitliche Ablauf der einzelnen Phasen sind auf gleichem Standort und selbst bei gleicher Baumartenmischung örtlich immer wieder verschieden, so dass nebeneinander ganz verschiedene Bestandesformen bestehen.

Beim Verjüngungsablauf, d.h. beim natürlichen Erneuerungsprozess, werden grundsätzlich zwei Fälle unterschieden:

  • Verjüngung im Rahmen eines Gesellschaftswechsels nach einem Zusammenbruch des Ausgangsbestandes und anschliessender Sukzession von einem aus Erstbesiedlern (Birke, Aspe, Föhre, Lärche, evtl. Fichte u.a. Lichtbaumarten) gebildeten Anfangswald, in dem sich allmählich die Schatten ertragenden Arten des Schlusswaldes einstellen (Tanne, Fichte, Buche, Arve usw.) und mit den Arten des Anfangswaldes einen Übergangswald bilden. Wenn nicht neue ausgedehnte Zusammenbrüche durch Sturm, Schnee oder andere Schadwirkungen erfolgen, scheiden Erstbesiedler mehr und mehr aus, und es entsteht schliesslich der standörtlich bedingte Schlusswald.
  • Erneuerung innerhalb des Schlusswaldes. Dort, wo sich infolge der Standortsverhältnisse nie geschlossene Bestände der Optimalphase auf grösserer Fläche zu bilden vermögen, wie an der klimatischen Waldgrenze, auf Blockschutt, an steilen, felsigen Hängen usw., vollzieht sich die Erneuerung mehr oder weniger kontinuierlich. Es erhalten sich unter solchen Verhältnissen dauernd stufige, unregelmässige, oft plenterwaldartige Bestände. Vorübergehend können ähnliche Aufbauformen auch aus einer sehr langsamen Auflösung von Beständen in der Altersphase hervorgehen, insbesondere im Mischwald aus Tanne, Fichte und Buche.
Verjüngungsphase im Naturwaldreservat Aclatobel, Versam

Im europäischen Urwald können sowohl grossflächige Verjüngung auf Kahlflächen oder unter lockerem Schirm als vor allem auch trupp-, gruppen- und horstförmige Erneuerungen beobachtet werden. Der Urwald zeigt alle nur denkbaren Verjüngungsvorgänge.

Wenn heute die Notwendigkeit der Schutzwaldpflege mit der Vermeidung flächiger Zusammenbrüche begründet wird, hat dies nur teilweise und nur auf gewissen Standorten mit der natürlichen Dynamik in Urwäldern zu tun:

  • Grosse Waldflächen im Alpenraum sind das Erbe früherer Übernutzungen und Plünderungen, häufig hervorgegangen aus Kahlschlägen, Aufforstungen, lückigen Weidwäldern mit ungenügender Verjüngung usw. Dieser Zustand ist immer noch weit entfernt von naturnahen, geschweige denn urwaldähnlichen Bestockungen.
  • Weil im Gebirgswald auch ein Bedarf an Holznutzung besteht, erfolgte diese seit Inkrafttreten des ersten Forstpolizeigesetzes (1876) nicht ausschliesslich als beiläufige Massnahme der Schutzwaldpflege. Im Gegenteil, man war überzeugt, dass sich die Schutzwirkungen im Kielwasser der Holznutzung erbringen liessen. So stand eher die Holzproduktion, als wichtigste Einnahmequelle für zahlreiche Gemeinden, bis in die 1970er Jahre im Vordergrund. Mangels besseren Wissens über Destabilisierungen und spätere Schwierigkeiten der Waldverjüngung wurde doch häufig auch zu stark eingegriffen, mindestens nicht nach dem Grundsatz der Förderung der selbstregulierenden Kräfte der Natur. Mit dieser Hypothek wie auch mit dem späteren vollständigen Verzicht auf pflegliche Nutzungen müssen sich die heutige und wohl auch die zukünftige Förstergeneration befassen.

Im Vordergrund stehen also vielmehr die heutigen sehr grossen Schutzansprüche der Bevölkerung, welche ohne pflegliche Eingriffe in die geerbten Gebirgswälder nicht befriedigt werden können. Wir befinden uns somit in einem Dilemma, gewissermassen in einem Teufelskreis: Einerseits wissen wir, dass Wälder mit natürlicher Dynamik auf vielen Standorten besser vor Naturgefahren schützen als früher ungeeignet genutzte resp. übernutzte Wälder. Andererseits bleibt uns zu wenig Zeit und vor allem zu wenig Spielraum, um die Wälder in einen sehr naturnahen Zustand zu überführen, weil wir uns auch nur geringe Schäden infolge von vernachlässigter Waldpflege nicht leisten können. Entscheidend ist aber die Tatsache, dass die Auswirkungen der Walddynamik auf die langfristige Schutzwirkung der Wälder bei Verzicht auf Schutzwaldpflege im Detail nicht geklärt sind. Deshalb wird vorläufig die aktive Schutzwaldpflege nach guten Richtlinien (NaiS) im überwiegenden Teil der Schutzwälder als das kleinere Risiko erachtet. Zudem liefert die naturnahe Gebirgswaldpflege gleichzeitig den wertvollen und nachhaltig produzierten Rohstoff Holz. Nicht unbegründet gilt deshalb:

Wer Wald will, muss auch Holz wollen!

Grundsätze der Gebirgswaldpflege

Das Buch „Gebirgsnadelwälder – Ein praxisorientierter Leitfaden für eine standortgerechte Waldbehandlung“ (1997)  fasst den momentanen Kenntnisstand für hochmontane und subalpine Wälder zusammen. Die wichtigsten Ziele der Gebirgswaldpflege sind:

Gebirgsplenterwald
  • Förderung der Verjüngung als Daueraufgabe, ausgerichtet auf das Idealbild des Gebirgsplenterwaldes, nach folgenden Grundsätzen:
    • bei jedem Pflegeeingriff an die Verjüngung denken
    • einen minimal notwendigen Verjüngungsanteil im Schutzwald anstreben
    • keine Rezepte, sondern stets massgeschneiderte objektspezifische Lösungen
    • Gefahren und Chancen abwägen, bewusst mit Risiken umgehen
    • Berücksichtigung der standortspezifischen Faktoren wie Wärme, Kleinstandorte, Bestandesstrukturen, Stabilität der Waldbestockung, Schnee, Vegetationskonkurrenz, Einfluss des Schalenwildes, Waldweide, Hitze und Austrocknung, Samenangebot etc.
  • Förderung und dauernde Erhaltung der Stabilität, ausgerichtet auf das Idealbild des Gebirgsplenterwaldes, nach folgenden Grundsätzen:
    • in erster Priorität Ausnützung bzw. Reaktivierung der im Naturwald selbsttätigen Stabilitätsregler, d.h. „Hilfe zur Selbsthilfe“
    • in zweiter Priorität Verstärkung und Verbesserung der Bestandesstabilität durch naturnahe Stabilitätspflege

Wälder auf extrem schlechtwüchsigen Standorten weisen als Folge der langsamen Entwicklung in der Regel eine stark differenzierte Struktur und einen hohen Grad an Selbstregulation auf. Waldbauliche Massnahmen sind in solchen Beständen wenig wirksam und auch nur selten notwendig. Auf diesen Standorten sind auch in wichtigen Schutzwäldern dringliche Situationen sehr selten. Befinden sich allerdings Wälder auf solchen Standorten nicht in naturnahem Zustand, z.B. wegen Bewirtschaftung, Beweidung, Wildverbiss, so sollen sanfte Pflegeeingriffe die Überführung in einen Zustand ermöglichen, in welchem die Selbstregulation wieder voll zum Tragen kommt.

Dynamik schweizerischer Bergwälder mit und ohne Pflege/Nutzung, stark vereinfacht (aus: J.Combe, 1987)

Wälder auf produktiven Standorten lassen sich bei vorrangiger Schutzfunktion mit lenkenden Pflegeeingriffen und rechtzeitiger Einleitung der Verjüngung so weit bringen, dass unerwünschte, mit grossen Risiken behaftete Lebensabschnitte, wie fortgeschrittene Alters- und Zerfallsphase, umgangen werden können. Am wirksamsten und erfolgversprechendsten sind in der Regel Pflegemassnahmen in der Jugendphase. Vor allem mit der Regulierung der Baumartenmischung kann viel erreicht werden. Auch hier gilt: je naturnäher der Zustand, desto geringer ist der Pflegeaufwand.

ungepflegtes instabiles Fichten- Stangen- bis Baumholz, aus Aufforstung entstanden

Besondere Sorgen bereiten Waldbestände mit stark gestörtem Aufbau im Vergleich zum Naturwald, d.h. kulturlandschaftlich geprägte Waldbestockungen. Dazu gehören:

  • gleichförmige Fichtendickungen und Stangenhölzer: hier können nur sofortige Pflegeeingriffe zur Stabilität beitragen und die spätere Verjüngung ermöglichen. In subalpinen Lagen gehört dazu die Ausbildung von kleinen geschlossenen Baumgruppen („Rotten“). Die Gleichaltrigkeit bleibt jedoch bis zur Einleitung der Verjüngung erhalten.
  • dicht geschlossene Fichten-Baumhölzer, als Folge flächiger Aufforstungen oder dichter Naturverjüngungen: hier ist jeder Eingriff riskant und kann unkontrollierbare Schäden auslösen. Die Bestände müssen zur Einleitung der Verjüngung so geöffnet werden, dass die Stabilität erhalten und die Verjüngung ermöglicht wird. Gleichzeitig muss die Verjüngungsgunst des Standortes erhalten bleiben.

Auf den eigentlichen Schutzwald bezogen, kann zusammenfassend gesagt werden, dass nicht jede Fläche einer gleich intensiven Pflege bedarf:

  • Dauerhafte Bestockungen auf geringwüchsigen Standorten können in der Regel sich selbst überlassen werden. Aufgrund ihrer naturnahen, meist stufigen Strukturen besteht keine Gefahr flächiger Zusammenbrüche.
  • Naturnahe Bestockungen auf mässig wüchsigen Standorten weisen einen hohen Selbstregulierungsgrad auf. Hier bedarf es mindestens einer dauernden Beobachtung, um fallweise lenkend einzugreifen und gefährliche Situationen zu beseitigen. Bei der Holznutzung ist besonders darauf zu achten, dass die selbstregulierenden Strukturen nicht zerstört werden, denn spätere korrigierende Eingriffe dürften recht aufwendig sein.
  • Bestockungen mit ungünstigem Altersaufbau und Tendenz zu flächig labilen Optimal- und Altersphasen auf mittleren und sehr wüchsigen Standorten bedürfen lenkender Eingriffe, welche sie in einen nachhaltigen Gleichgewichtszustand versetzen. Ziel sind naturnähere Strukturen und nachhaltiger Altersaufbau sowie ausreichende Verjüngung. Priorität hat nicht die Holznutzung, sondern die Stabilitätspflege. Bleibt die Pflege längere Zeit aus, so verringert sich auf Dauer die Stabilität, und die Verjüngung wird zunehmend schwieriger. Die Schutzfunktion kann dann nicht gewährleistet werden. Unter Umständen muss bei grossen Schäden mit Verbauungen nachgeholfen werden, welche die Kosten der rechtzeitigen Schutzwaldpflege um ein Vielfaches übersteigen.

Zustand des Gebirgswaldes - neue Herausforderungen

Viele Berg- und Gebirgswälder der Schweiz (und der anderen Alpenländer) sind nach wie vor belastet durch den früheren Raubbau: grossflächige, allzu gleichförmig-einschichtige Baumholzbestände, örtlich starker Fäulnisbefall, aufgelöste Stark- und Altholzbestände, fast unüberwindliche anthropogen bedingte Verjüngungserschwernisse, Verfichtung vormaliger Tannen-Buchen-Mischwälder usw.

Die Berg- und Gebirgswälder weisen einen sehr grossen Anteil mittlerer und starker Baumhölzer auf. Dies beruht einerseits auf den Wachstumsgesetzen und kann auch in den Urwäldern beobachtet werden. Die Optimalphase und die Altersphase dauern relativ lange an. Berücksichtigt man gleichzeitig das enorme Defizit bei der Verjüngung, so sind Nutzungs- und Pflegerückstände offensichtlich. Die Stagnation der Holzpreise und der Anstieg der Ausgaben der Forstbetriebe seit den 1960er Jahren veranlassten die Waldbesitzer, immer mehr auf defizitäre Holzschläge zu verzichten. Insbesondere in Wäldern mit ungenügender Erschliessung und erschwerter Nutzung sind seither Pflegeeingriffe vielerorts ausgeblieben. Das Landesforstinventar weist nach, dass rund ein Drittel des Berg- und Gebirgswaldes in den letzten Jahrzehnten nicht oder nur noch selten genutzt und damit waldbaulich vernachlässigt worden ist.

Naturereignisse beeinflussen die Schutzwirkung, namentlich bei kulturlandschaftlich

Rund ein Drittel aller Holzentnahmen im Berg- und Gebirgswald besteht aus Zwangsnutzungen. Ein Teil davon geht auf das Konto der zunehmend labilen und instabilen Waldbestände, der Rest auf extreme Naturereignisse wie Stürme, Nassschneefälle und Lawinenniedergänge mit anschliessend verbreitetem Borkenkäferbefall.

Naturereignisse beeinflussen die Schutzwirkung, namentlich bei kulturlandschaftlich
beeinflussten instabilen Wäldern

Seit den 1960er Jahren haben die Schalenwildbestände stark zugenommen. Vermehrte Störungen und die Verdrängung der Rehe, Hirsche und Gemsen ins Waldareal erschwert, ja verunmöglicht an vielen Orten die Waldverjüngung mit standortgerechten Baumarten. Namentlich das Ausbleiben der Tanne ist nur schwer zu verkraften. Gleichzeitig mit dem Verlust der Verjüngungsfähigkeit der Wälder verarmen auch die Wildlebensräume. Dazu trägt allerdings ebenso die Verdunkelung der Waldbestände mangels Pflege bei. Fehlende Verjüngung während mehreren Jahrzehnten fördert massgeblich die Destabilisierung und Überalterung der Schutzwälder.

Die Belastung der Wälder durch Luftschadstoffe ist zwar nicht so schwerwiegend, wie in den 1980er Jahren vorausgesagt wurde. Doch die Symptome anhand der Kronenverlichtungen, verstärkt durch Hitze und Trockenheit, die Vermehrung bekannter und das Auftreten neuer Pathogene, die Veränderung der Wuchsleistungen der Bäume, die Ergebnisse von Untersuchungen im Wurzelbereich der Waldbäume und der Messungen der Belastung der Böden mit Schadstoffen usw. stellen ernst zu nehmende Signale für den Berg- und Gebirgswald dar, welcher sich ohnehin andauernd in einem sehr rauhen Klima zurechtfinden muss.

Auswirkungen der Klimaveränderungen dürften insbesondere die Wälder höherer Lagen stark fordern. Wenn die Erwärmung weiterhin rasch zunimmt und sich Witterungsextreme häufen, dürfte sich nicht nur das Waldbild ändern, sondern auch die Schutzfähigkeit der Wälder müsste laufend hinterfragt werden. In dieser Hinsicht sind die Forschungsstellen stark gefordert, und auch ein zweckmässiges Monitoring ist unerlässlich.

Die zusätzlich erhöhten Schutzansprüche der Bevölkerung infolge Ausdehnung der Siedlungen, der ganzjährigen Benützung von Verkehrswegen, der Benützung des Waldes und der Landschaft für teils mit der Natur nicht mehr zu vereinbarende Freizeitnutzungen, verlangen vom Wald so viel, dass er insgesamt bald einmal überfordert sein könnte.

vorratsreiches Starkholz

Die Bevölkerung verlangt den Schutz des Waldes, doch das Produkt Holz ist selbst in Kantonen mit Gebirgswald immer noch zu wenig gefragt. Die Holzvorräte im Wald nehmen weiter zu, obwohl die Holznutzung einen namhaften Beitrag zur Verbesserung der CO2-Bilanz leisten könnte.

Rein fachtechnisch spielt es für den Waldbau keine wesentliche Rolle, ob im Gebirge Holz oder Schutzwirkungen „produziert“ werden sollen, abgesehen davon, dass so oder so bei nachhaltiger Bewirtschaftung stets etwa dieselbe Holzmenge heranwächst und normalerweise auch genutzt werden könnte. Aufgrund der Eigenarten des Gebirgswaldes sind nämlich fast alle Waldfunktionen zwingend auf stabile, nachhaltig widerstandsfähige Waldbestockungen angewiesen. Einzig zugunsten der Biodiversität wäre etwas mehr natürliche Dynamik, fallweise mit gezielten Eingriffen, erwünscht. Entscheidend ist aber, dass der Holzerlös die waldbaulichen Massnahmen ermöglicht oder mindestens einen Teil davon finanziert. Dadurch können die Waldbesitzer und die Subventionsbehörden bei der Erfüllung von Aufgaben im öffentlichen Interesse massgeblich entlastet werden.

Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald (NaiS)

Durch die finanzielle Lage sahen sich die Forstbetriebe im Gebirge zunehmend veranlasst, entweder auf Pflegemassnahmen im Schutzwald zu verzichten oder eher grosse Holzschläge auszuführen, um mindestens keine Defizite zu erwirtschaften. Die sog. „mutigen“ Durchfor­stungen und die flächigen Räumungsschläge gerieten immer mehr in die Kritik der Berufskollegen, der Öffentlichkeit wie auch der Umweltschutzorganisationen.

Seit dem Jahre 1986 konnten Waldbauprojekte im Schutzwald aufgrund eines Bundesbeschlusses durch Bund und Kanton mitfinanziert werden.

Das Waldgesetz von 1991 verpflichtet die Kantone, in Wäldern, wo es die Schutzfunktion erfordert, eine minimale Pflege sicherzustellen (WaG Art.20 Abs.5). Minimal sind gemäss Waldverordnung Massnahmen, die sich auf die Erhaltung der Schutzfunktion und die nachhaltige Sicherung der Bestandesstabilität beschränken (WaV Art.19 Abs.4).

Schutzwaldaufforstung durch intensive Pflege in eine rottenförmige Struktur überführt

Diese Forderungen wurden in die Waldgesetzgebung aufgenommen, weil die Erhaltung der Schutzfunktion im öffentlichen Interesse liegt und die Schutzwaldpflege den Waldbesitzern aufgrund der finanziellen Situation nicht allein zugemutet werden kann. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte hat die dringende Notwendigkeit dieser Regelung aufgezeigt, da die Schutzwaldpflege stark vernachlässigt worden ist.

grosser flächiger Holzschlag in der Surselva

In neuester Zeit werden da und dort wieder grossflächige Räumungsschläge und starke Durchforstungen beobachtet. Dazu hat die Verbesserung der Holzmarktsituation, aber auch der Anreiz, etwas mehr aus dem Wald zu erwirtschaften, beigetragen. Deshalb gilt es heute, im Interesse der Schutzfunktion nicht nur das minimal Notwendige, sondern gleichzeitig auch den Spielraum für das maximal Zulässige vorzugeben.

Die Wegleitung „Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald“, herausgegeben im Jahre 2005 durch das Bundesamt für Umwelt, Abteilung Wald, stellt ein umfassendes Hilfsmittel für die fachgerechte Pflege von Wäldern mit Schutzfunktion dar. Ziel ist es, einen nachhaltig wirksamen Schutzwald mit möglichst geringem Aufwand sicherzustellen.

Die Schutzwaldpflege beruht auf der Annahme, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Risikominderung und Waldzustand gibt. Ausgerichtet auf die verschiedenen Naturgefahren und die Standortsverhältnisse, wurden Anforderungsprofile definiert, welche eine möglichst grosse Schutzwirkung erwarten lassen. Waldflächen mit demselben Anforderungsprofil gehören zum gleichen Zieltyp.

Innerhalb der Zieltypen werden, entsprechend dem aktuellen Waldzustand, Behandlungstypen ausgeschieden. Eine Weiserfläche ist repräsentativ für den betreffenden Behandlungstyp und dient gleichzeitig als Kontrolleinheit. Auf ihr wird der Handlungsbedarf hergeleitet.

Die Erfolgskontrolle umfasst die Vollzugskontrolle, die Wirkungsanalyse, die spätere Zielerreichungskontrolle und bei Bedarf die Zielanalyse.

Vollzugskontrolle:Wurden die geplanten Massnahmen am richtigen Ort und fachgerecht ausgeführt?
Wirkungsanalyse: Welches ist die Wirkung der ausgeführten Massnahmen oder der gezielten Unterlassungen auf den Waldzustand?
Zielerreichungskontrolle:Inwieweit entspricht der Waldzustand den Anforderungsprofilen?
Zielanalyse:Sind die festgelegten Anforderungsprofile angemessen und zweckmässig?

Zweck der Erfolgskontrolle im Schutzwald ist es, eine grosse Schutzwirkung auf möglichst effiziente Art zu erreichen. Gleichzeitig geht es darum, die öffentlichen Mittel haushälterisch einzusetzen und dafür zu sorgen, dass neue Erkenntnisse und Erfahrungen so schnell als möglich in die praktische Umsetzung einfliessen.

Mit NaiS verfügt die Schweiz über ein neuzeitliches Führungsinstrument, das den heutigen und absehbaren Anforderungen der Forstdienste und der Subventionsbehörden Rechnung trägt. Aufgrund der grossen Nachfrage in anderen Ländern wurde NaiS, ausser in die offiziellen Landessprachen, auch in andere Sprachen übersetzt (z.B. ukrainisch, englisch).  

Heutiges Schutzwaldmanagement

Die Erhaltung und Pflege der Schutzwälder ist Bestandteil des Naturgefahrenmanagements resp. des integralen Risikomanagements. Obwohl die Schutzwälder nie und vor allem nicht dauernd einen hundertprozentigen Schutz bieten können, sind sie in der Lage, auf grossen Flächen Schutz gleichzeitig gegenüber verschiedenen Naturgefahren zu bieten. Eine solche Überlagerung von mehreren Gefahrenprozessen kommt ziemlich häufig vor. Deshalb haben Schutzwälder einen klaren Vorteil gegenüber technischen Massnahmen, welche oft nur gegen einzelne Naturgefahren wirksam sind. Darüber hinaus ist die Schutzwaldpflege fünf bis fünfzehn Mal kostengünstiger als technische Massnahmen.

Mit dem Schutzwaldmanagement befassen sich sämtliche forstlichen Hierarchiestufen von Bund, Kanton, Region und Gemeinde resp. Forstbetrieb. Das BAFU, Abt. Gefahrenpräven­tion,  ist vor allem für die Strategien zuständig, bemüht sich um die gesamtschweizerisch einheitliche Beurteilung, sorgt sich um die Mitfinanzierung des Bundes und macht im Rahmen der Programmvereinbarungen stichprobenweise Kontrollen.

Das kantonale Amt für Wald wirkt bei der Erarbeitung der Strategien mit, stellt Planungsdokumente bereit und bemüht sich vor allem um die einheitliche Festlegung der Prioritäten. Zudem sorgt es für die Mitfinanzierung des Kantons und verwaltet die Mittel von Bund und Kanton. Ausserdem ist es verantwortlich für die Fort- und Weiterbildung. Es hat zudem Überwachungsfunktionen und führt kantonale Inventuren resp. Monitorings durch.

Die Regionen erarbeiten zusammen mit der kantonalen Fachstelle die regionalen Waldentwicklungspläne, unterstützen die Forstbetriebe bei der Betriebsplanung, legen die Prioritäten der Schutzwaldpflege fest, besorgen die Umsetzung von NaiS mittels Weiserflächen und erstellen die regionalen Mehrjahresprogramme. Ausserdem üben sie bei der Anzeichnung der Holzschläge Hoheitsfunktionen aus.

Verjüngung in Hochstauden erfordert gute Beobachtung und entsprechendes Fachwissen

Die Forstbetriebe sind in erster Linie für die Ausführung der Massnahmen im Wald zuständig, machen aber auch die Betriebsplanung und wirken teilweise bei der Bereitstellung von Grundlagen für den Kanton mit.

Forschungsbedarf

Das LFI kann als Monitoring für den Schutzwald und für die Feststellung des Bedarfs an Schutzwaldpflege eingesetzt werden. Ziel ist es, bei den nationalen Waldinventuren auch massgebende Schutzwaldparameter aufzunehmen.

Die Schutzwirkung eines Waldbestandes ändert sich laufend. Die Schutzwaldpflege beeinflusst diese Dynamik und deshalb auch die Schutzwirkung. Zudem gibt es Wälder, die nur in einer bestimmten Phase pflegebedürftig sind, anschliessend aber besser sich selbst überlassen werden. Andererseits gibt es auch im Naturwald (Urwald) weder bei gleichen Standortsverhältnissen noch innerhalb einer Höhenstufe ein einheitliches Muster der Waldentwicklungsphasen. Deshalb besteht Bedarf an Zusatzwissen zu folgenden Themenbereichen:

  • Auswirkungen der natürlichen und anthropogen beeinflussten Waldentwicklung auf die Waldstrukturen und damit auf die Schutzwirkung dieser Bestandesstrukturen gegenüber den einzelnen Naturgefahren
  • Möglichkeiten und Risiken, welche mit dem Verzicht auf die Schutzwaldpflege verbunden sind

Schliesslich sind die standortsspezifischen Anforderungsprofile für den Schutzwald bei verschiedenen Naturgefahren laufend zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Insbesondere wo gleichzeitig verschiedene Naturgefahren auf den Wald einwirken, besteht noch Optimierungsbedarf.

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