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Forstgeschichte

(unter spezieller Berücksichtigung der Surselva)

Wer im Waldland Schweiz Fuss fasste, musste zuerst dem Wald das lebensnotwendige Acker- und Weideland mühsam abringen. Der Wald lieferte aber nicht nur Wild und Früchte als Nahrung, sondern auch Bau- und Brennstoff sowie wertvollen Schutz vor Naturgefahren. Die Bergbewohner wurden immer wieder schmerzhaft an die Bedeutung des Waldes erinnert, wenn ihnen infolge übermässiger Rodungen und Nutzungen Wasser und Lawinen Haus und Stall verheerten. Aus dieser Zeit stammen die traditionelle Waldverbundenheit der Schweizer und der Einfluss des Waldes auf unsere Kultur, besonders auf die Bauweise unserer Wohnhäuser.

Die industrielle Revolution, welche den Wald beinahe ruiniert hätte, der Einzug der modernen Technik, das Verlagern der Volkswirtschaft von der Landwirtschaft zu Güterproduktion und Dienstleistungen, haben die unmittelbare und lebensnotwendige Verbundenheit von einst durch eine andere, aber nicht weniger bedeutsame Beziehung zum Wald abgelöst: Man lebt nicht mehr in und mit dem Wald, sondern um ihn herum. Er liefert nicht mehr nur den alltäglichen Rohstoff, sondern ist uns wertvoller und geschätzter Erholungsraum geworden.

Trotz dieses Gesinnungswandels werden wir immer wieder in die Realität zurückgeholt. Unwetter mit Schäden an Menschen und erheblichen Sachwerten können vermehrt eintreffen, wenn wir nicht Sorge tragen zu unserem natürlichen und kulturellen Erbe, wenn die Pflege der Schutzwälder vernachlässigt und der Schutzspender Wald durch Einflüsse der Zivilisation übermässig und dauerhaft belastet wird. Der Wald hat über die Jahrtausende hinweg nichts an Faszination eingebüsst. Noch gibt es Erstaunliches und Schönes zu entdecken und zu bewundern. Doch in unserer schnellebigen Welt der Kommunikation bedarf es dafür Zeit, Ausgelassenheit, Empfangsbereitschaft.

1. Nutzung für den Eigenbedarf

Crestaulta bei Surin

Die frühe Forstgeschichte ist weitgehend identisch mit der Besiedlungsgeschichte und der damaligen Landnutzung. Einst ausgedehnte, fast unberührte Urwälder wurden – meist sehr punktuell und kleinflächig – gerodet, zwecks Errichtung kleiner Siedlungen und Gewinnung von Ackerland. Holz aus dem nahegelegenen Wald deckte den Brennholzbedarf und wurde für den Bau einfacher Wohnhäuser und Ställe benötigt, diente aber lokal auch der Gewinnung und Verarbeitung von Metallen wie Kupfer und Eisen. Durch Beweidung wurde der Wald in der Umgebung der Siedlungen aufgelichtet. Auf die gesamte Fläche bezogen, erfolgte aber die Nutzung weitgehend im Einklang mit der Natur.

In der Altsteinzeit war der Alpenraum grösstenteils von Firnen und Gletschern bedeckt. In der Mittelsteinzeit (8200 – 5000 v.Chr.) verwandelte sich eine tundra- bis steppenartige Landschaft zusehends in eine Waldlandschaft. Diese Zeit ist weitgehend durch Jäger und Sammler mit einfachen Geräten geprägt. Funde von Siedlungen sind in Graubünden nur vereinzelt bekannt, doch dürfte da und dort einiges noch unter Schutt verborgen sein.

In der Jungsteinzeit begann die Umstellung auf Ackerbau und Viehzucht. Der Mensch rodete Wälder, da er Boden für seine Wohnhäuser, Stall- und Speicherbauten benötigte. Äcker entstanden vorwiegend durch Brandrodungen, ausserdem wurden die Wälder beweidet.

In der Surselva reichen Funde erster Siedlungen in die Bronzezeit (2000 – 800 v.Chr.) zurück (z.B. Crestaulta Surin, Lumbrein). Die Menschen verfügten über Werkzeuge aus Kupfer und vor allem aus Bronze (Legierung aus Kupfer und Zinn). Für den Schmelzprozess benötigten sie Holz. Sie lebten innerhalb kleiner dorfähnlicher Siedlungen in kleinen Holzhütten und entwickelten den Ackerbau und die Viehzucht weiter. An steilen Hängen wurden Ackerterrassen und Trockenmauern angelegt. Anhand von Fundgegenständen kann auf Handel über die nahegelegenen Pässe (z.B. Greina, Lukmanier) geschlossen werden.

In der Eisenzeit (800 – 0 v.Chr.) mehrten sich die Siedlungen und damit auch die Rodungstätigkeit. Bronzegerätschaften wurden kontinuierlich durch Werkzeuge und Gegenstände aus Eisen abgelöst. Eisen war auch in der Surselva in grösseren Mengen vorhanden als Kupfer (z.B. Val Ferrera Trun). Der Bergbau und die Verhüttung von Eisen erforderten grosse technische Kenntnisse, benötigten aber auch Holz. Die Bevölkerung ernährte sich zur Hauptsache aus Ackerbau und Viehzucht. Unter den Haustieren dominierten Rind und Schaf oder Ziege. Einfache Festungsmauern dienten den militärischen Wachposten gegen die eindringenden Kelten. Über die Pässe fand regelmässiger Austausch von Waren statt. Ausserdem kam der Geldhandel auf. Daneben bediente man sich der Schrift.

2. Grossflächige Rodungen und Anfänge des Holzhandels

Besiedlung von Hangterrassen
Bergwiese bei Caspausa (Tujetsch)
Walsersiedlung Mulinatsch

Noch bis weit ins Mittelalter hinein diente der Wald als unerschöpfliche Reserve für die Siedlungen und für die Ausweitung des bäuerlichen Wirtschaftsgebietes.

Bevor die Römer in das Gebiet des heutigen Graubündens eindrangen und die wichtigsten Alpenpässe beherrschten, waren die meisten Alpentäler von kleinen Siedlungsgemeinschaften bewohnt. Das Alpenrheintal – und damit auch die Surselva – öffnete sich zur Ostschweiz und zum Bodenseeraum, wo die keltischen Helvetier und Vindeliker lebten. Für die Römer galten die meisten Alpenbewohner bis zur Eroberung des Alpenraumes als unzivilisierte, wilde Räuberbande. Im Feldzug zur Zeit des Kaisers Augustus (15 v.Chr.) brachten Tiberius und Drusus die Alpen unter römische Herrschaft und besiegten dabei auch räuberische Volksstämme aus Graubünden. Die Einwohner der nordalpinen Gebiete wurden nicht als römische Bürger, sondern als Peregrine (Nichtrömer, „Fremde“) behandelt. Ein grosser Teil des heutigen Kantons Graubünden gehörte zur Provinz Raetia.

Im späteren 3.Jahrhundert wurden Siedlungen zum Schutz vor eindringenden Germanen zunehmend befestigt.

Zur Zeit der Römerherrschaft wurde über die Alpenpässe reger Handel betrieben. Auf den Passhöhen standen Hospize, Unterkunftshäuser für Reisende und ihre Ware, später auch als Stützpunkte für die Bewachung der Durchgangsrouten. Zweifellos wurden alle begehbaren Übergänge benutzt, so auch der Greinapass und der Lukmanier, wie dies durch Funde bezeugt ist. Insgesamt spielte jedoch der Lukmanier, wie auch der Greinapass, bis in die spätrömische Zeit eine geringe Rolle. Die Hauptrouten führten eindeutig über den Maloja und Julier bzw. Septimer und über den Splügen.

In den ersten beiden Jahrhunderten n.Chr. herrschte in Europa ein relativ warmes Klima. Die leicht erhöhten Temperaturen bewirkten im Alpengebiet ein Aufsteigen der Waldgrenze und einen Rückzug der Gletscher. Damit konnte man bis in heute nicht nutzbare Höhen Vieh weiden lassen und Ackerbau betreiben. Tiefgründige, für grössere Äcker geeignete Böden finden sich in den Alpentälern allerdings nur auf den sanften Talhängen des Rheins und auf Geländeterrassen. Wahrscheinlich wurden aber auch in römischer Zeit in steilem Gelände durch den Bau von Trockenmauern kleine Ackerterrassen gewonnen. Es wird davon ausgegangen, dass schon damals saisonale Alpwirtschaft mit Maiensässen und Alpen existierte.

Durch die Besiedlung gebirgiger Lagen wurde die Bevölkerung mit Naturgefahren und Naturereignissen konfrontiert: Schnee und Schneeschmelze, Frost, Gewitter und Dauerregen verursachten in den Berggebieten immer wieder Lawinenniedergänge, Felsstürze, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen. Sich so gut als möglich vor den Naturgewalten zu schützen, war denn auch für die Bewohner des alpinen Raumes besonders wichtig, aber nicht immer möglich. So wurden Teile von Siedlungen bei Bergstürzen zerstört, andere von wilden Wassern weggerissen oder von meterhohen Schuttmassen überdeckt. Einige dieser Naturkatastrophen haben erst in nachrömischer Zeit Orte zerstört, die bereits vorher verlassen wurden.

Die Täler waren zwar dicht bewaldet, aber die meisten siedlungsfreundlichen Terrassen wohl schon lange gerodet. Die Wälder der Surselva bestanden überwiegend aus Nadelbäumen wie Fichte und Tanne, teilweise aus Föhre, Lärche und Arve.

Graubünden ist (aus damaliger Sicht) relativ reich an Bodenschätzen. In römischer Zeit wurde vor allem Eisen ausgebeutet. Die Eisengeräte bezeugen ausserdem ein spezialisiertes Holzhandwerk, ausgeführt vom Zimmermann und Schindelmacher bis zum Möbelschreiner.

Die klimatisch günstigen Verhältnisse wie auch die strategische und handelspolitische Bedeutung der Alpenpässe waren vermutlich die Antriebsfeder für die Ausweitung des Siedlungsgebietes. So entstanden neue Siedlungen, aber auch die allgemeine Bevölkerungszunahme und damit der vermehrte Bedarf an Siedlungsraum setzten den Wald unter Druck. Der Hirt brauchte Alpen und Weiden für seine Herde, der Bauer Boden für Hof und Stall, für Wies- und Ackerland.

In der Surselva wurden die einst bewaldeten sonnigen Flanken, namentlich die südexponierten Terrassen und Mulden, lange vor den Talböden besiedelt, in welchen der Fluss seine uneingeschränkte Herrschaft ausübte. Dazu schreibt Pater Karl Hager (1916): „Die ersten Alpweideflächen für die Milchkuh wurden jeweils in die sanft geneigten Staffeln des noch geschlossenen oberen subalpinen Waldes eingeschnitten; sie kamen somit keineswegs direkt an die klimatische Waldgrenze zu liegen. Schon die orographischen Verhältnisse des Bündner Oberlandes verlangten ein derartiges Vorgehen; denn die Gehänge der natürlichen alpinen Grasflur und Heide über der ursprünglichen Waldgrenze sind meist steil, von Felsbändern und Terrainabrissen durchzogen, von Geröll- und Schuttmassen überlagert und sehr oft wasserarm, weil sie bereits am oberen Rande des subalpinen Quellgebietes oder über diesem liegen; sie bieten nur Weideflächen für Schaf- und Ziegenherden, an günstigeren Stellen auch für junges Galtvieh, einst wie heute noch. War diese natürliche alpine Grasflur durch orographische Faktoren für eine Milchkuhweide recht ungünstig, so zwangen ferner wichtige wirtschaftliche Gründe den Menschen, seine Milchkuhweiden tiefer anzulegen. Vor allem verlangten Wohnung und Käsebereitung viel Brennholz. Dieses war in reicher Fülle rundum vorhanden, als der Bauer seine idealen Milchkuhweiden auf die sanft geneigten Terrassen und Mulden der oberen Nadelwaldzone verlegte und sie in eine schützende Waldumrahmung versetzte.“

Mit Hilfe des Feuers wurden seit Jahrtausenden gewaltige Brandrodungen durchgeführt, um das notwendige Acker-, Weide- und Wiesland zu gewinnen. Der Wald brannte, bis niederrauschender Regen Glut und Feuer löschte, das, durch die Kronen der Bäume emporflammend, ganze Hänge ergriff und durch Flugfeuerwolken oft weit abgelegene Waldungen entzündete, ohne dass der Mensch befähigt war, dem entfesselten Element Einhalt zu gebieten. Nach mühsamer Räumung der verkohlten Stämme, die düster und drohend in den Himmel starrten, konnte der primitive Pflug seine ersten Furchen nebeneinander legen, und das neu und kräftig heraufziehende Grün diente dem Vieh als Weide, während sich an stärker belichteten Stellen neue Baumarten wie Birke, Lärche, Föhre einstellten, denen das geschlossene Dunkel des Urwaldes nicht zusagte.

Im Mittelalter wurden die Rodungen der Wälder weitergeführt. Der „Geist“ der Römer schwappte in die Alpentäler über. Verbreitet war man der Ansicht, dass die Rodung der undurchdringlichen Wälder und Sumpfgebiete als eine kulturelle Tat und als Erschliessung und Urbarisierung des Landes erschiene. Für Neusiedler bedeutete die Rodung der Waldungen ein Gebot; denn nur unter dieser Voraussetzung war es möglich, Höfe und Stallungen in die ausgedehnten Waldlandschaften zu streuen. Namentlich im Mittelland und in den Voralpen wurden so ganze Waldstriche versengt, verbrannt und geschwendet. Dieser gewaltige Rodungsprozess fand im Mittelland etwa Mitte des 13.Jahrhunderts seinen Abschluss.

Ähnlich verhielt es sich auch in Graubünden, denn aus dem Testament des Bischofs Tello (765) ist ersichtlich, welche Siedlungen und Höfe damals bereits bestanden haben. Das Reichsgutsurbar des Churer Bistums von 831 gibt weiteren Aufschluss darüber.

Der Kampf des mittelalterlichen Menschen mit dem Wald resp. der „Siedlungsfeldzug des Menschen und seine schöpferische Umgestaltung der Natur- zur Kulturlandschaft“ fand mit den Wanderungen der Walser und ihren Siedlungen eine Fortsetzung, welche in der Surselva sicher bis ins 14. Jh. andauerte. Nach heutigem Wissen erfolgte der Zuzug von Siedlern aus dem Oberwallis (Goms) schubweise. Häufig zogen Familien oder ganze Sippen mit Vieh und Hausrat aus ihrem Ursprungsgebiet weg und begannen, sich in der neuen Heimat eine Exi­stenz aufzubauen.

Die Einwanderung wurde durch den Abt von Disentis ausdrücklich gewünscht. Dies geht mindestens aus einer Urkunde von 1203 hervor. Dabei ging es um den Verkauf von Grund­stücken, welche das Kloster von zwei Mönchen als deren Erbschaft geschenkt erhielt, an Adlige im Raum Brig. Gemäss diesem Dokument lädt der Abt zwecks Erhöhung seiner wirtschaftlichen Einkünfte Leute aus dem Oberwallis ein, sich neben rätoromanischen Siedlern im Hochland von Urseren und auch im obersten Tujetsch niederzulassen und sich an der Landnahme zu beteiligen. Das Kloster selber war damals durch Abgaben an den Bischof und an die Reichsherren stark verschuldet. Damit begann ein eigentlicher Wanderungsschub der Walser über den Furka- und Oberalppass ins Tujetsch und ostwärts, so auch nach Obersaxen. Ob dabei auch Überbevölkerung, verbunden mit Hungersnöten und drohenden Naturkatastrophen mitspielten, kann nur vermutet werden.

Die Einwandererkolonien liessen sich vorwiegend in den höher gelegenen Gebieten nieder. Als tüchtige Bauern begannen sie, den Boden zu bewirtschaften: sie rodeten Wälder und erweiterten die Kulturlandfläche. Dies zeigt, dass sie sich ihre Existenz hart erkämpfen mussten. Andererseits ist die Ausbreitung der prachtvollen Bergwiesen zu einem guten Teil auf die
Rodungen und die anschliessende Landnutzung der Walser zurückzuführen. Mit überbordender Volkskraft und mit unglaublichem Siedlungs- und Expansionsdrang vermochten sie auch das bisher wenig erschlossene Gebiet der höheren Lagen wirtschaftlich zu nutzen.

Das typische Siedlungsbild waren ursprünglich Einzelhöfe (Hofstätten) sowie grössere Hofniederlassungen (Huben), die von verschiedenen Familien der gleichen Sippe bewohnt wurden. Jede grössere Hofgruppe verfügte über eigenes Acker- und Wiesland sowie Heimweiden und bildete dadurch gegenüber der anderen Hofgruppe eine autonom versorgte Nachbarschaft. Bei der späteren Romanisierung wurden die Hofsiedlungen zugunsten der Dörfer an zahlreichen Orten verlassen. Geblieben sind aber die stark entwaldeten Gebiete.

Diese Art der Besiedlung und deren Weiterentwicklung zu Dörfern haben auch die Romanen einige Jahrhunderte früher vollzogen, mit dem Unterschied, dass sie als Erstbesiedler vorwiegend die tieferen Lagen beanspruchten. Die Äcker, Wiesen und Weiden wurden als Bestandteil und Zubehör der Heimgüter, d.h. des urbarisierten und bebauten Bodens betrachtet. Mit Einschränkung durch die Gemeinatzung im Frühjahr und im Herbst konnten diese Güter privat genutzt werden.

Im 17. und 18.Jh. rückten die Talbewohner immer mehr zusammen. Sie verliessen die höher gelegenen Höfe, aus welchen Maiensässe (Aclas) oder Berggüter entstanden. Weiler und Dörfer bildeten sich in der Talsohle und an der Oberalpstrasse sowie in der Umgebung neu errichteter Kirchen und Kapellen.

Konzentrationen mehrerer Häuser entstanden auch auf Maiensässen entlang kommunaler Weiden (aneinander gereiht) oder im Ackergebiet (gruppiert).

3. Übernutzungen und Raubbau

Minieras auf der Alp Nadéls Trun
bestockte Weide
Geschlossene Alpenrosenbestände sind ein Hinweis für waldfähige Standorte
unterhalb der potentiellen natürlichen Waldgrenze
Bannwälder über dem Dorf Rueras

Nach Abschluss der grossen Rodungstätigkeit galt der Wald zunehmend als Lieferant von Bau- und Brennholz, wobei überflüssig erscheinende Wälder zur Nutzung an Holzhändler verkauft wurden.

Zur Deckung des Eigenbedarfs benötigte man gewaltige Mengen Bau- und Brennholz. So wird angenommen, dass noch zu Beginn des 19.Jh. der Holzbedarf einer bündnerischen Gemeinde mit 600-700 Einwohnern jenen einer grösseren Schweizer Stadt übertraf. Und man ging mit dem Holz, da es doch scheinbar im Überfluss vorhanden war und noch kein Handelsgut darstellte, gar nicht haushälterisch um. Eine Jahrhunderte dauernde sorglose Holzerei setzte besonders den Bergwäldern arg zu.

Eine ganz schlimme Zeit begann für den Gebirgswald mit der Entwicklung des Bergbaus. Auch in der Surselva wurden ab dem 14.Jh. Erze abgebaut, und zwar in folgenden Gebieten: Silber in Medel Lucm., Eisen im Val Ferrera bei Trun, Eisen und Kupfer im Val Punteglias bei Trun, Blei und Kupfer bei der Alp Nadéls in Trun, Blei im Val Sumvitg und im Val Nalps, Blei und Kupfer bei Andiast, Waltensburg und Rueun, Kupfer bei Rueun, Kupfer, Silber und Eisen bei Obersaxen Affeier, Eisen bei Obersaxen Platenga und Blei und Kupfer bei Lumbrein. An den meisten Orten wurden zur Beschaffung des für die Erzverhüttung erforderlichen Holzes grosse Kahlschläge ausgeführt und die Wälder empfindlich dezimiert.

Während der Verkauf grosser Holzschläge zwecks Belieferung der Salinen im Unterengadin zur Abholzung ganzer Hänge führte, war dies in der Surselva kein Thema. Auch der lokale Holzbedarf für die Kalkbrennerei und die Köhlerei bewegte sich in vergleichsweise kleinerem Rahmen.

Mit dem stärkeren Wachstum der Städte im Mittelland und der Zunahme der gewerblichen Betriebe zeichnete sich dort allmählich ein gewisser Holzmangel ab. Das Holz gewann an Wert, und es entwickelte sich ein lebhafter Holzhandel. Aus fast allen – auch den entlegensten – Alpentälern flösste man das kostbare Handelsgut in die grossen Verbrauchszentren des Unterlandes. Gemeinden aus dem Vorderrheintal beispielsweise schlossen Verträge über grosse Waldschläge mit Holzhändlern aus dem St.Galler Rheintal ab, oder sie verkauften das Holz an Flösser, namentlich aus dem Raum Bonaduz – Tamins – Domat/Ems – Felsberg.

Die rücksichtslose Ausbeutung der Gebirgswälder hielt bis um die Mitte des 19.Jh. an. So erfolgten beispielsweise im Val Sumvitg noch in den 1850er Jahren riesige Kahlschläge, welche ganze Waldkomplexe endgültig zerstörten.

Sehr verhängnisvoll wirkte sich von jeher der ungeregelte Weidgang aus. Gross- und Kleinviehherden durchstreiften die Wälder vom Frühling bis zum Herbst, traten den Boden fest, verletzten die Wurzeln der Stämme, verbissen die Jungpflanzen und verhinderten so die Verjüngung der Wälder. Die dem Wald durch den Weidgang zugefügten Schäden sind unermesslich. Der grösste Teil geht dabei zulasten der Ziegen, welche sich in manchen Gegenden selbst während des Winters unbehirtet im Freien aufhielten.

Während der Verkauf grosser Holzschläge zwecks Belieferung der Salinen im Unterengadin zur Abholzung ganzer Hänge führte, war dies in der Surselva kein Thema. Auch der lokale Holzbedarf für die Kalkbrennerei und die Köhlerei bewegte sich in vergleichsweise kleinerem Rahmen.

Mit dem stärkeren Wachstum der Städte im Mittelland und der Zunahme der gewerblichen Betriebe zeichnete sich dort allmählich ein gewisser Holzmangel ab. Das Holz gewann an Wert, und es entwickelte sich ein lebhafter Holzhandel. Aus fast allen – auch den entlegensten – Alpentälern flösste man das kostbare Handelsgut in die grossen Verbrauchszentren des Unterlandes. Gemeinden aus dem Vorderrheintal beispielsweise schlossen Verträge über grosse Waldschläge mit Holzhändlern aus dem St.Galler Rheintal ab, oder sie verkauften das Holz an Flösser, namentlich aus dem Raum Bonaduz – Tamins – Domat/Ems – Felsberg.

Die rücksichtslose Ausbeutung der Gebirgswälder hielt bis um die Mitte des 19.Jh. an. So erfolgten beispielsweise im Val Sumvitg noch in den 1850er Jahren riesige Kahlschläge, welche ganze Waldkomplexe endgültig zerstörten.

Sehr verhängnisvoll wirkte sich von jeher der ungeregelte Weidgang aus. Gross- und Kleinviehherden durchstreiften die Wälder vom Frühling bis zum Herbst, traten den Boden fest, verletzten die Wurzeln der Stämme, verbissen die Jungpflanzen und verhinderten so die Verjüngung der Wälder. Die dem Wald durch den Weidgang zugefügten Schäden sind unermesslich. Der grösste Teil geht dabei zulasten der Ziegen, welche sich in manchen Gegenden selbst während des Winters unbehirtet im Freien aufhielten.

Aus der Erkenntnis heraus, dass der Wald den besten Schutz vor Lawinenniedergängen, Steinschlag und Rüfen bietet, wurden im ganzen Alpengebiet schon im Mittelalter sogenannte Bannwälder begründet. In der Surselva erfolgte die Bannlegung erst etwas später. Bannwälder bezweckten aber meist nur den Schutz eines eng umgrenzten Gebietes, eines Dorfes oder Weilers, gelegentlich auch einer wichtigen Verkehrsverbindung. Leider wurden sich die Leute der Gefahren oft erst richtig bewusst, als es schon fast zu spät war. Die Bannlegung erfolgte dann nicht selten erst, nachdem der dringend notwendige Schutzwald schon stark angeschla­gen und in seiner Ausdehnung auf ein Mindestmass reduziert worden war.

Strenge Verordnungen sorgten dafür, dass in den Bannwäldern kein Holz geschlagen werden durfte. Auch die Streuenutzung war manchmal untersagt. Hingegen blieben die meisten Bann­wälder für den Weidgang offen. Dies ist der Hauptgrund, warum sie auf die Dauer die in sie ge­setzten Hoffnungen nicht zu erfüllen vermochten. Tritt und Zahn des Viehs verunmöglichten jedes Aufkommen von Jungwuchs. Die Waldbestände überalterten, lockerten sich mehr und mehr auf und setzten den Naturgewalten nur noch wenig Widerstand entgegen. Die Einsicht, dass nur ein lebendiger, aus Bäumen aller Alters- und Stärkestufen aufgebauter und ge­pflegter, unter strengem Weideausschluss stehender Wald einen optimalen Schutz garantiert, drang erst viel später durch.

4. Über Holznot und Naturkatastrophen zur geregelten Waldwirtschaft

Von Sut Crestas steht noch das ehemalige Schulhaus, heute als Ferienheim genutzt
Trockenmauer aus der Anfangszeit systematischer Lawinenanriss-Verbauungen
Pfähle als Schutz gegen Schneegleiten, eine früher häufig angewandte Methode

Weitsichtige Persönlichkeiten wurden sich der Holznot und der „Energiekrise“ bewusst und plädierten für mehr Nachhaltigkeit. Zunehmende Naturkatastrophen und Überschwemmungen in Tieflagen wurden in einen Zusammenhang mit den Übernutzungen in Gebirgslagen gestellt, obwohl dieser Nachweis in der verallgemeinerten Form bis heute nicht eindeutig erbracht werden konnte. Vielmehr spielten die extremen Niederschlagsverhältnisse eine ausschlaggebende Rolle. Der Ruf nach geregelter Holznutzung und das Paradigma „Übernutzung – Naturkatastrophen“ ermöglichten trotzdem die Oberaufsicht des neuen Bundesstaates über den Wald. Es entstanden Gesetze, welche die Wiederherstellung der Gebirgswaldungen und die nachhaltige Bewirtschaftung beinhalten.

Bereits im 18.Jh. und dann vor allem zu Beginn des 19.Jh. erhoben sich immer mehr Stimmen, die auf die drohende Holznot hinwiesen. Daneben ging es oft auch um die fehlenden Einnahmen der Gemeinwesen, um ihren öffentlichen Aufgaben (z.B. Schul- und Armenwesen) nachkommen zu können. Der Ruf nach einer geregelten Forstwirtschaft wurde immer lauter.

Zu den weitsichtigen Personen zählten etwa der Churer Bürgermeister J.B. von Tscharner, unter dessen Führung im Jahre 1791 die neue „Forst- und Waldordnung der Stadt Chur“ entstand. Damit war der erste entscheidende Schritt zur Entwicklung einer bündnerischen Waldwirtschaft getan.

Damals setzte sich auch der Disentiser Pater Placidus a Spescha mit der ihm eigenen Energie und Aufgeschlossenheit für die Pflege und Erhaltung der Waldungen und für deren richtige Nutzung und Bewirtschaftung ein. Er hatte sich über die damalige Holzverschwendung, namentlich auch im Tavetsch, entsetzt und seine Beobachtungen im Jahre 1805 schriftlich festgehalten. Seine Besorgnis ging so weit, dass er infolge der extremen Entwaldung und der Raubwirtschaft an den restlichen Wäldern die Zukunft der Gegend gefährdet sah. Er vermutete einen direkten Zusammenhang zwischen den Waldzerstörungen und den katastrophalen Folgen von Naturereignissen. Vor allem die Lawinenniedergänge machten Teile der Surselva nahezu unbewohnbar. Seine im Tavetsch gemachten Feststellungen hatten für die meisten Alpentäler Gültigkeit und wurden in vielen zeitgenössischen Schriften bestätigt.

Besonderes Aufsehen erregten in Fachkreisen auch die beiden Werke von Heinrich Zschokke über die Alpenwälder (1804) und über den schweizerischen Gebirgsförster (1806).

Der Berner Forstmeister Karl Albrecht Kasthofer wurde beauftragt, im Zusammenhang mit der Verlängerung des Vertrages für das Silberbergwerk in Davos im Jahre 1821 ein Gutachten über die Davoser Waldungen zu verfassen. Bereits kurz darauf wurde er als fachlicher Berater der ersten in Graubünden damals eingesetzten Forstkommission des Grossen Rates beigezogen. Die Reisen Kasthofers in den Jahren 1821 und 1822 wurden bekannt als seine Alpenreisen durch Graubünden (publiziert 1822 und 1825) und fanden weitherum grosse Beachtung. So berichtet er unter anderem auch von grossen Kahlschlägen im mittleren Vorderrheintal für das Eisenwerk in Trun. Seine Tätigkeit mündete im ersten forstlichen Erlass des Bündner Grossen Rates, nach welchem die Regierung (Kleiner Rat) die Klagen über Waldverwüstungen zu untersuchen und die Einstellung entsprechender Schläge von Amtes wegen bis zur nächsten Ratssession zu verfügen hatte. Die Erörterung solcher Fälle wollte sich der Grosse Rat allerdings selber vorbehalten, d.h. (unabhängige) Experten damit beauftragen.

Eine vom ersten Kantonsforstinspektor Johannes Pohl verfasste „Anleitung zu zweckmässiger Behandlung der Wälder“ aus dem Jahre 1838 vermochte weitere Abholzungen nicht zu verhindern, da sie noch zu stark dem Kahlschlag-Denken jener Zeit verhaftet war. Auch der Erlass der ersten kantonalen Forstordnung im Jahre 1839 liess keine Verbesserung der forstlichen Verhältnisse erkennen, weil die Bestimmungen aus Mangel an Vollzugsorganen nicht durchgesetzt werden konnten.

Von Kasthofer inspiriert, verfasste Peter Conradin Planta das „Waldbüchlein, ein Wort zur Beherzigung an das Bündnervolk“. Der Churer Stadtschreiber, Präsident der kantonalen Forstkommission und spätere Ständerat erkannte die volkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes für das Gemeinwohl und erntete mit dieser Schrift aus dem Jahre 1846 sehr viel Sympathie.

Auslöser der zahlreichen Ermahnungen und der ersten forstlichen Erlasse waren die immer regelmässiger auftretenden Naturereignisse mit teils verheerenden Schäden. Graubünden blieb davon ebenfalls nicht verschont. Einen verbreiteten eigentlichen Notstand lösten insbesondere die Hochwasser der Jahre 1834 und 1868 aus. Diese forderten zahlreiche Todesopfer und verursachten ungeheure Schäden. Auf das Jahr 2000 umgerechnet, bezifferten sich die Schäden an Hab und Gut gesamtschweizerisch im Jahre 1834 auf Fr. 700 Mio. und im Jahre 1868 auf Fr. 1.4 Mia.

Die Surselva war vor allem von den Extrem-Niederschlägen der Jahre 1750, 1762, 1834, 1868 und 1890 stark betroffen.

Zu den Lawinenwintern mit erheblichen Schäden in der Surselva zählen: 1458, 1711, 1720, 1723, 1749, 1806, 1808, 1817, 1888.

Die schonungslose Entwaldung und die damit heraufbeschworene Gefährdung durch Lawinen, Hochwasser und Rüfen führte in manchen Talschaften zur teilweisen Abwanderung der Bevölkerung. Da und dort wurden auch grössere Siedlungen gänzlich verlassen. Dies ist aber mangels Unterstützung von Bund und Kanton nicht überall gelungen. So ersuchten die Bewohner von Selva (Tujetsch) im Jahre 1853 beim Bundesrat um Unterstützung für die Verlegung des Dorfes nach Sut Crestas wegen Lawinengefährdung. Ihr Gesuch wurde abgewiesen mit der Begründung, dass auch Sut Crestas nicht lawinensicher sei. Zudem fehlten die gesetzlichen Grundlagen für die Mitfinanzierung seitens des Bundes. Aber auch das allgemeine Misstrauen gegenüber der Ernsthaftigkeit zum Schutz des Waldes in Zeiten der anhaltenden Übernutzung spielte beim Entscheid mit. Die verbliebenen Bewohner von Selva siedelten im Winter jeweils auf eigenes Risiko auf die andere Talseite über, kehrten aber im Sommer ins Dorf zurück. Seither wurde das Dörfchen durch Verbauungen und Aufforstungen weitgehend geschützt, sodass eine dauerhafte Rückkehr nach Selva möglich war.

Während die Alpentäler unter Lawinen, Erdrutschen, Rüfenniedergängen und Hochwasser litten, wurde das Unterland von ausgedehnten Überschwemmungen heimgesucht. Die Bevölkerung war beunruhigt, denn sie fühlte sich den Ereignissen gegenüber machtlos. Die Naturkatastrophen forderten unter der Bevölkerung zahlreiche Opfer. Sie hatten auch grosse Verluste an Vieh und zerstörten Wohn- und Ökonomiegebäuden zur Folge. Fortgerissene Brücken und durch Fluten verwüstete oder durch Erd- und Steinmassen verschüttete Strassen machten oft unterbrochene Verbindungswege stellenweise für immer unbegehbar. Auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen, ganz besonders auf den Weiden, wurden die kleinen Erdrutsche häufiger, und das Wasser hinterliess immer tiefere Erosionsspuren. Zu den unsicheren Wohnverhältnissen und Transportwegen kamen wesentliche Verluste an bebaubarem Land, das durch die Hochwasser von Flüssen und Bächen weggeschwemmt oder von Geschiebe überdeckt wurde.

Die Häufigkeit und das Ausmass dieser Katastrophen zogen in erster Linie die Bergbevölkerung in Mitleidenschaft. Aber auch die Bewohner der ebenen Flusstäler waren den Überschwemmungsgefahren in besonderem Masse ausgesetzt. Sie lebten in ständiger Furcht, weil sie sich nicht in der Lage fühlten, ein Unglück abwenden zu können, dessen Ursprung ausserhalb ihres Einflussbereiches lag. Die Launen der ungebändigten Natur verhinderten die Entwicklung der Landwirtschaft und des noch schwachen Gewerbes. Selbstverständlich wurde nicht gerne zugegeben, dass viele der damaligen Gewässerverbauungen in Tieflagen völlig ungenügend waren.

Noch anfangs des 19.Jh. wurden die Schadenereignisse höherer Gewalt und göttlicher Vorsehung resp. Strafe der Natur zugeschrieben oder mindestens als Schicksalsschlag hingenommen. Entsprechend gross war die Solidarität anlässlich der Sammelaktionen der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft für die Opfer der Jahre 1834 und 1839 sowie bei der Sammlung des Bundes nach den Ereignissen von 1868.

Fachleute aus Waldbau und Wasserwirtschaft vermuteten zwar einen Zusammenhang zwischen dem Zustand der Bergwälder und den Naturkatastrophen, insbesondere den Überschwemmungen. Es bedurfte aber weiterer Grossereignisse, bis schliesslich auf Intervention des Schweizerischen Forstvereins der Bundesrat im Jahre 1858 ein Expertenteam mit der Abklärung der Ursachen beauftragte. Anhand der Berichte der federführenden ETH-Professoren Elias Landolt (1861) und Karl Culmann (1864) konnte der direkte Zusammenhang zwischen der Abholzung der Gebirgswälder und der Wasserführung der Flüsse, den Lawinen und Erdrutschen dargestellt werden. Gleichzeitig wurde aber unumwunden zugegeben, dass es sich um aussergewöhnliche Starkniederschläge handelte.

Expertisen und Berichte lösten nicht unmittelbar jene Massnahmen aus, welche bei einer erneuten Katastrophe notwendig gewesen wären. Die damalige Zurückhaltung auf gesamtschweizerischer Ebene ist allerdings auch auf die mangelnde Akzeptanz zentralistischer Vorgaben durch den damals noch jungen Bundesstaat zurückzuführen. Ausserdem darf die Zerstrittenheit der Parteien nicht ausser acht gelassen werden. Aber auch die verfassungsmässige Abschaffung der kantonalen Zölle für den Holzexport und die Befürchtung der Kantone, dass diese Einnahmen in die Bundeskasse fliessen, trug zum Misstrauen gegenüber dem Bund bei. Die Kantone waren auf diese Mittel dringend angewiesen, unter anderem auch zur Finanzierung eines funktionierenden Forstdienstes. Der Bund hat sich aber in dieser Zeit zu wenig bemüht, den Holzexport einzuschränken und sich stattdessen vermehrt für eine Verbesserung der Waldverhältnisse einzusetzen.

Schliesslich brauchte es nochmals ein grosses Schadenereignis (1868), bis der politische Druck für gesetzliche Grundlagen gross genug war. Dieser bisher gesamtschweizerisch grössten Naturkatastrophe folgte ein weiterer Bericht der Experten Landolt, Culmann und Escher von der Linth. Die Konferenz der Kantonsdelegierten beschloss, einen Teil der Spenden, die sog. Wuhrmillion, in einen Schutzbautenfonds einzulegen, welcher für Präventionsmassnahmen der Kantone bestimmt war. Diesem Entscheid gingen intensive Diskussionen voraus, weil man der Ansicht war, dass Prävention Aufgabe des Staates und nicht der Spender sei. Darauf entschied die Konferenz, diesen Fonds jährlich mit einem Beitrag aus der Bundeskasse aufzustocken. Den Kantonen wurden die Mittel nur freigegeben, wenn sie über ein ausreichendes Forst- und Wasserbaupolizeigesetz verfügten. Damit wurde der Weg frei für eine Zentralisierung der Wasserbaupolzei und des Forstwesens, gleichzeitig wurden aber auch die Kantone in die Pflicht genommen.

Der Verfassungsartikel betreffend die Oberaufsicht des Bundes über die Wasserbau- und Forstpolizei aus dem Jahre 1874 und das Bundesgesetz betreffend die Oberaufsicht des Bundes über die Forstpolizei im Hochgebirge von 1876 stellten die rechtlichen Grundlagen für die Subventionierung wasserbaulicher und forstlicher Projekte durch den Bund dar. Damit wurden gleichzeitig die Wiederherstellung der Gebirgswälder und die damit verbundenen Verbauungen und Aufforstungen als vorrangige öffentliche Aufgabe anerkannt. Sie lösten aber auch die Verbauungen grösserer Flüsse, wie etwa die Korrektion des Rheins, der Linth und der Rhone oder die Juragewässerkorrektion aus oder förderten deren Fortsetzung.

Das erste eidg. Forstpolizeigesetz von 1876 brachte nicht den gewünschten Erfolg. Einerseits waren die Beitragssätze des Bundes zu tief, um entsprechende Beteiligungen der finanziell schwach gestellten Gebirgskantone auszulösen. Daneben waren die Kantone nicht in der Lage, aus eigener Kraft den verlangten Forstdienst aufzubauen. Zudem stiessen die Einschränkung der Eigentumsrechte der Waldeigentümer und namentlich die Ablösung der Waldweide und die Reduktion der besonders schädlichen Ziegenbestände auf erheblichen Widerstand.

Möglicherweise begann auch bereits der Druck auf die Gebirgswälder nachzulassen. Denn seit Kohle mit der Bahn transportiert werden konnte, veränderte sich die Ausgangslage. Damit einher gingen Mindereinnahmen aus dem Holzverkauf.

Im Jahre 1902 wurde das Gesetz auf die ganze Schweiz ausgedehnt und auch flächendeckend das grundsätzliche Kahlschlagverbot eingeführt. Wichtige gesamtschweizerisch geltende gesetzliche Inhalte sind:

  • Walderhaltungsgebot (ursprünglich verstanden als Waldflächen-Erhaltungsgebot, Rodungsverbot mit Erlaubnisvorbehalt)
  • Gebot einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung (Wirtschaftsplanpflicht)
  • Kahlschlagverbot
  • Verbot schädlicher Nebennutzungen, namentlich des Weidgangs und der Streuenutzung
  • Förderungsmassnahmen wie Bau von Transportanlagen und Schutzwerken, Auffor­stungen, Strukturverbesserungen (in erster Linie als Kompensation für Einschränkungen des Eigentums und der Handelsfreiheit der Waldbesitzer)
  • berufliche Ausbildung
  • Organisation des Forstdienstes

In Graubünden erwarb sich der weitsichtige Kantonsforstinspektor Johann Wilhelm Fortunat Coaz in den Jahren 1851-1873 besondere Verdienste. Mit Eifer und Wärme, mit Einsicht und einer vor keiner Enttäuschung zurückschreckenden Zähigkeit widmete er sich seiner gewaltigen Aufgabe und hatte entgegen aller Hoffnung bleibenden Erfolg. In verhältnismässig kurzer Zeit reorganisierte er das bündnerische Forstwesen. Wie in Graubünden, erwies sich Coaz auch auf gesamtschweizerischer Ebene, in seiner Funktion als erster eidg. Oberforstinspektor (1875-1914), als Wegbereiter und Reorganisator des Forstwesens. Er ist der Schöpfer des eidg. Forstpolizeigesetzes von 1876, hat zahlreiche Sanierungen von Schutzwäldern und Aufforstungen veranlasst, seiner Initiative sind gewaltige Lawinenverbauungen in den Alpen zu verdanken. In seiner Zeit entstand das Zentralamt für das forstliche Versuchswesen (heute Eidg. Forschungsanstalt WSL). Er förderte die Schulung des Forstpersonals und führte die einheitliche eidg. Prüfung der höheren Forstbeamten ein.

5. Wiederaufbau, Fortschritte in Forschung und Lehre

Schutzwälder sind unerlässlich für die Sicherheit in den Bergtälern
Lehrwald Uaul Surrein bei Sedrun, Aufnahme 1993
gepflegter Schutzwald

Die kantonale Forstordnung von 1839 wurde mehrmals revidiert (1858, 1862, 1877, 1886, 1905) und an die eidgenössischen Bestimmungen angepasst. Im Jahre 1963 hat der Kanton sein eigenes Forstgesetz erhalten. Gestützt auf die eidg. und kantonalen Erlasse, haben der Forstdienst und die Waldbesitzer bis heute Erstaunliches geleistet. Es ist ihnen mit finanzieller Unterstützung durch Bund und Kanton weitgehend gelungen, den Wald so wieder herzustellen, dass er seine vielfältigen Aufgaben erfüllen kann.

In den ersten Jahren bis 1914 war es vor allem dem weitsichtigen ersten Eidgenössischen Oberforstinspektor Johann Wilhelm Fortunat Coaz zu verdanken, dass zahlreiche Schutzwälder wieder hergestellt, Aufforstungen ausgeführt und Lawinenverbauungen erstellt werden konnten.

In der Folge haben sich mehrere Förstergenerationen am Wiederaufbau beteiligt und mit viel Verantwortungsbewusstsein nicht nur die forstpolizeilichen Bestimmungen durchgesetzt, sondern sich auch aufgrund eigener Beobachtung und Erfahrung gewissenhaft um die pflegliche Nutzung der Wälder und die Verbesserung der Waldstrukturen bemüht. Dabei stiessen sie immer wieder auf Schwierigkeiten seitens der Waldbesitzer, welche nur widerwillig auf ihre Selbstbestimmung verzichteten. Mehrmals galt es, finanzielle Engpässe seitens der Subven­tionsbehörden zu überstehen, wenn sie Schutzbauten, Walderschliessungen und Pflegemassnahmen als notwendig erachteten.

Auch im 20.Jh. und anfangs des 21.Jh. blieb der Kanton vor Naturereignissen kaum verschont. Besonders in Erinnerung bleibt die Lawinenkatastrophe 1950/51, welche in der Schweiz 98 Todesopfer forderte.

Die Surselva war in neuerer Zeit in folgenden Jahren von Schadenereignissen betroffen:

  • Starkniederschläge: 1920, 1962, 1987, 1999, 2002
  • Lawinen: 1917, 1922, 1923, 1944, 1951, 1954, 1962, 1967, 1968, 1975, 1978, 1984, 1999, 2000, 2008

Die seit dem Jahre 1877 in Graubünden eingeführte geregelte Waldbewirtschaftung ermöglichte eine erhebliche Steigerung des Ertragsvermögens der Gebirgswälder. Sehr bedeutende Investitionen haben den Wert der Wälder erhöht, deren finanzieller Ertrag zur Vermögensbildung in Stadt und Land beigetragen hat. Unvergesslich bleiben die ausserordentlichen Lei­stungen des Waldes für die Versorgung des Landes mit Bau- und Brennstoffen während zweier Weltkriege. Stetig verbessert hat sich gleichzeitig die Schutzfunktion der Gebirgswälder. Gewaltig ist der finanzielle Aufwand der Forstwirtschaft zur Erhöhung der Sicherheit für Wohnsiedlungen und Verkehrswege, die in einem Gebirgskanton seit eh und je von Naturgefahren bedroht werden.

Letztlich sind die Fortschritte im Wiederaufbau und in der pfleglichen Nutzung der Gebirgswälder zahlreichen Umständen zu verdanken. Dazu zählen

  • Ersatz des Brennholzes durch Steinkohle, welche seit dem Bahnbau importiert werden konnte und damit den Druck auf den Wald wesentlich entlastet hat (Bahnlinie Basel – Chur seit 1859 durchgängig)
  • Konkurs von Bergbauunternehmen, mangels Rentabilität
  • Lehren aus der Waldzerstörung
  • allmähliche Ablösung der nachteiligen Nebennutzungen (Waldweide, Streuenutzung etc.)
  • Pflicht zur Einrichtung der Wälder zwecks Kontrolle der Nachhaltigkeit (Wirtschaftsplanpflicht, ab 1991 regionale Waldplanung)
  • Beiträge von Bund und Kanton an Lawinenverbauungen, Aufforstungen, Hangsanierungen und Bachverbauungen, Strukturverbesserungen (Parzellarzusammenlegungen, Walderschliessungen, Seilkrane, Werkhöfe, Einrichtungen zur Waldbrandbekämpfung etc.), Verhütung und Behebung von Waldschäden, Jungwaldpflege, Schutzwaldpflege, Naturschutzmassnahmen, Aus- und Weiterbildung des Forstpersonals, Planungsgrundlagen und Messnetze usw.
  • Aufbau und Institutionalisierung des Forstdienstes zur Durchsetzung der forstpolizeilichen Vorgaben, insbesondere der nachhaltigen Waldbewirtschaftung, und zur Beratung der Waldeigentümer
  • Fortschritte bei der Ausbildung des Forstpersonals (Absolventen ETH, neu auch der FH in Zollikofen, Försterschulen, Lehrgang Forstwarte, Forstwart-Vorarbeiter usw.)
  • Wandel der Lehrmeinungen
  • Weiterentwicklung der Methoden und Techniken im Verbauwesen, wesentlich unterstützt durch das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (seit 1942)
  • Weiterentwicklung der Holzerntetechniken
  • Erkenntnisse aus der Forschung, namentlich im Zusammenhang mit Gebirgswald
  • Kontinuität und Weiterentwicklung der Lehrmeinungen durch Gedankenaustausch zwischen Praxis, Lehre und Forschung
  • Einrichtung eines Lehrwaldes zu Unterrichts- und Forschungszwecken im Gebirgswald von Sedrun (1973)
  • zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung (intensivierte Öffentlichkeitsarbeit)

Nachdem die Verursacher von Schäden bei Unwetterkatastrophen gemäss den Expertenberichten des 19.Jh. oder aufgrund damaliger Lehrmeinung erkannt waren, wäre es folgerichtig gewesen, diese beim Wiederaufbau zur Verantwortung zu ziehen. Da jedoch die Waldeigentümer dazu finanziell nicht in der Lage waren, haben sie sich durch Einschränkung ihrer Eigentumsrechte praktisch davon befreit. Als Gegenleistung werden Massnahmen im hohen öffentlichen Interesse von Bund und Kanton subventioniert, allerdings unter Mitbeteiligung der Waldbesitzer und mit der Verpflichtung, für den Unterhalt der Bauwerke aufzukommen.

Trotz kriegswirtschaftlicher Abgaben und Verpflichtungen, welche regional zu Übernutzungen führten, weisen die Gebirgswälder heute im allgemeinen hohe bis sehr hohe Holzvorräte auf. Dies ist im wesentlichen auf die strengen Forstpolizeibestimmungen, verbunden mit häufig zu tiefen Hiebsätzen, aber auch auf die schwierige Zugänglichkeit vieler Wälder zurückzuführen. Andererseits kann dank der sehr guten Holzreserven und der Steigerung der Produk­tionskraft der Wälder heute wieder viel mehr Holz genutzt und verwertet werden.

Recht bald wurde erkannt, dass ein ungleichaltriger und vor allem ungleichförmiger (stufiger) Gebirgswald dauerhaften und bestmöglichen Schutz gegen Lawinenanrisse gewährleistet. Solche Waldgefüge widerstehen auch am besten den Gefährdungen durch Sturm, Schnee, Insekten- und Pilzangriffe. Dieser günstig strukturierte Schutzwald stellt sich aber auf wüchsigeren Standorten nicht von selbst ein. Dazu bedarf es regelmässiger Pflegeeingriffe. Am erfolgreichsten ist die naturnahe Waldbehandlung. Sie beruht auf dem Grundsatz der bestmöglichen Ausnutzung der selbstregulierenden Kräfte bei allen Lebensvorgängen. So wie mehrere Förstergenerationen die Schonung des Waldes durchgesetzt haben, ist es Aufgabe unserer Zeit, sich treuhänderisch für die zweckmässige Pflege der Wälder einzusetzen.

6. Neue Herausforderungen

Waldzerstörungen durch den Orkan Vivian vom 26./27.Februar 1990 - Herausforderung zum Denken und Handeln in neuen Dimensionen
Gleichförmiger, instabiler Wald
erfolgreiche Tannen-Naturverjüngung ohne Zaun – in Nord- und Mittelbünden eine Seltenheit
starke Kronenverlichtungen bei Fichten
Naturwaldreservat Aclatobel
Holz ist ein nachhaltig und umweltschonend nutzbarer Rohstoff
Grosswald Flims: Holzproduktion und Erholung haben Vorrang

Defizitäre Forstbetriebe sind nicht in der Lage, die Schutzwaldpflege sicherzustellen. Die Holzvorräte nehmen zu und bleiben zum Teil ungenutzt, bei der Waldverjüngung entsteht erheblicher Nachholbedarf. Zudem wird der Wald zunehmend durch Zivilisa­tionsgefahren belastet. Das Waldgesetz wurde vollständig revidiert und auf die heutigen Ansprüche ausgerichtet.

Noch bis Ende der 1970er Jahre stellte der Wald in zahlreichen Berggemeinden die Haupteinnahmequelle dar. Selbst in der Stadt Chur wurde ein beachtlicher Reinerlös erwirtschaftet. Damit war es möglich, Infrastrukturen der Gemeinden, Lehrerbesoldungen, Restkosten subventionierter Projekte usw. zu finanzieren und den Steuerfuss auf tragbarem Niveau zu halten. So lange genügend Arbeitsplätze vorhanden waren, konnte auch die Abwanderung in grössere Agglomerationen einigermassen verhindert werden.

Mit der Explosion der Lohnkosten entstand ein immer grösseres Missverhältnis zwischen Aufwand und Erlös bei der Holzernte. Im Jahre 1940 konnten mit dem Erlös von 1 Kubikmeter Holz 30 Std. 18 Min. Arbeit bezahlt werden. 1990 waren es noch 2 Std. 40 Min. Der reale Holzpreis betrug 1994 noch die Hälfte des Preises von 1970.

Wegen der schwierigen orographischen Verhältnisse vermochten die Gebirgsforstbetriebe mit dem Mittelland und den Nachbarländern immer weniger Schritt zu halten. Trotz Verbesserung der Holzernteverfahren, der Walderschliessung und der Bewirtschaftung nach den Grundsätzen des naturnahen Waldbaus gerieten immer mehr Forstbetriebe in die roten Zahlen. Es war naheliegend, nur noch mindestens kostendeckende Holzschläge auszuführen. Der Verzicht auf die Nutzung abgelegener und steiler Wälder trug dort zu Gleichförmigkeit, Instabilitäten, ungenügender Verjüngung und teilweise tendenziell zu Überalterung bei. Damit boten sich Angriffsflächen für Stürme und Borkenkäferbefall, aber auch Risiken für örtliche Zusammenbrüche infolge Stammfäulnis und Altersschwäche. Die jahrzehntelangen Bemühungen um Aufbau stabiler, gut strukturierter und ungleichaltriger Wälder wurden teilweise wieder zunichte gemacht.

Besonders verhängnisvoll ist die ausbleibende pflegliche Nutzung für die wichtigen Schutzwälder, weil damit ähnliche Situationen geschaffen werden wie zur Zeit der Bannwälder. Davon betroffen sind insbesondere gestützt auf die Forstgesetzgebung von 1876 bzw. 1902 sanierte oder wieder aufgeforstete Waldflächen. Diese sind zum Teil gleichförmig, verschiedenen Naturgefahren ausgesetzt und oft schwierig zu verjüngen. Die Behörden haben diese Entwicklung erkannt. So sind heute aufgrund politischer Vorstösse und der darauf folgenden Gesetzesrevision auch Beiträge an die Schutzwaldpflege möglich.

Seit den 1970er Jahren bereitet die Belastung des Waldes durch übersetzte Schalenwildbestände (Hirsch, Reh, Gemse, Steinwild) eine der Hauptsorgen des Gebirgswaldes. In den Wald verdrängt, sucht dort das Wild nach Deckung und Nahrung. Durch Verbiss der Jungbäume, Schälen, Schlagen und Fegen erschwert oder gar verunmöglicht das Wild die natürliche Waldverjüngung und den Aufbau stabilen Nachwuchses. Die Tanne, eine für die Waldökologie und den Schutz vor Erosionen und Rutschungen unentbehrliche Baumart, ist dadurch in weiten Teilen des Kantons, so auch in der Surselva, im Jungwald vollständig ver­schwunden. Auch die Vogelbeere, der Bergahorn und weitere Laubbäume bekunden erhebliche Mühe, ihr Areal zu behalten. Die lichtbedürftigen Baumarten Föhre und Lärche können an vielen Orten ohne Schutzmassnahmen kaum verjüngt werden. Glücklicherweise wurde das Problem auch seitens der Jagdverantwortlichen des Kantons erkannt. Veränderte Jagdbestimmungen, auf der Grundlage ausgeglichener Alters- und Geschlechterverhältnisse, ermöglichen es, die Situation für den Wald mindestens nicht weiter zu verschlimmern.

Panikstimmung herrschte nach 1982, als sich zahlreiche Fachleute im Zusammenhang mit Luftschadstoffen ernsthafte Sorge um die Wälder machten. Kronenverlichtungen galten als sichtbarer Indikator für Veränderungen, welche auch den Gebirgswald verletzbar machten. Das „Waldsterben“ blieb bis Ende der 1980er Jahre ein wichtiges Medienthema und hat auch die Revision der Waldgesetzgebung massgeblich beeinflusst. Heute werden Luftschadstoffe als wichtige Belastung des Waldes anerkannt, deren direkte Wirkungen allein können jedoch unter schweizerischen Verhältnissen nur schwer nachgewiesen werden. Häufig spielen Trockenheit, Hitze und weitere Belastungen mit. Im Gebirgswald dauert es wesentlich länger, bis sich die Bäume von derartigen Strapazen einigermassen erholt haben. Dauerstress kann aber auch stabile Waldökosysteme längerfristig aus dem Gleichgewicht bringen. Da niemand genau weiss, wie sich die jahrzehntelangen Deponien im Waldboden auf den Wald und allenfalls auch auf Naturgefahren auswirken, bleiben Immissionen ein latentes und ernst zu nehmendes Risiko.

Inzwischen wurde das Waldsterben der 1980er Jahre durch die umfassendere bedrohliche und sich global auswirkende Klimaveränderung als politisches Thema verdrängt. Dabei spielen Luftschadstoffe ebenfalls entscheidend mit, doch massgeblich sind die riesigen Mengen klimaaktiver Gase, welche dem Wald vor allem durch den verstärkten Treibhauseffekt enorm zusetzen. Wissenschafter befassen sich intensiv mit Fragen der Veränderung der Baumarten-Zusammensetzung, der Verschiebung der Waldgürtel, der Zunahme von Witterungsextremen und damit der Häufung von Naturereignissen. Dies sind existentielle Anliegen des Gebirgswaldes.

Die intensive Erholungsnutzung, insbesondere sportliche Aktivitäten wie Mountainbiking, Orientierungslaufen, Hängegleiten, Langlaufen, Variantenskifahren, Schneeschuhlaufen etc. wirkt sich immer stärker auf den Gebirgswald aus. Deren Folgen können sein:

  • Auslösen von Lawinen und Schneebrettern, eventuell auch mit Waldschäden
  • Störung von Lebensräumen und Aktivitäten des Schalenwildes und der Rauhfusshühner
  • Belastung seltener und naturkundlich wertvoller Lebensräume
  • Belastung der Bodenvegetation und des Jungwaldes durch Tritt
  • Beeinträchtigung der Waldarbeiten
  • persönliche Gefahren und Risiken mit möglichen Unfallfolgen
  • Erhöhung der Risiken von Waldbränden
  • Luftbelastung durch individuellen motorisierten Verkehr auf dem Weg zum Wald

Der zunehmende Druck auf naturnahe, seltene und gefährdete Lebensräume ist seit einigen Jahrzehnten bekannt. Er wird in den Gesetzgebungen zum Natur- und Landschaftsschutz thematisiert und führte zu den nationalen und regionalen Inventaren der Auen, Flach- und Übergangsmoore, Moorlandschaften, Trockenwiesen und –weiden, Geotope. Davon ist ebenso das Waldareal betroffen. Naturschutz resp. Erhaltung der Biodiversität hat in neuerer Zeit auch bei den Forstbehörden einen hohen Stellenwert erhalten. Neben der flächendeckenden naturnahen Waldpflege auf standortskundlicher Grundlage stellen die gezielte Förderung einzelner bedrohter Arten sowie Waldreservate wichtige Standbeine des Naturschutzes im Wald dar. Naturwaldreservate dienen dabei gleichzeitig der Forschung sowie als Lernobjekte für die Waldpflege.

Wegen der fehlenden Zollschranken und der Handels- und Gewerbefreiheit kann der Holzmarkt durch die Behörden über direkte finanzielle Massnahmen nur sehr begrenzt beeinflusst werden. Bund und Kanton sind sich aber der Einnahmen aus dem Holzerlös, welche wiederum in die Waldpflege investiert werden können, sowie der Bedeutung für den Klima- und Umweltschutz bewusst. Deshalb wurden Förderprogramme durchgeführt. Anfangs 2009 wurden diese durch eine umfassende Politik des Bundes bezüglich der im Wald stetig nachwachsenden Ressource abgelöst.

Seit der Einführung einer gesamtschweizerischen Waldgesetzgebung 1902 hat die Waldfläche der Schweiz um etwa die Hälfte zugenommen. Das damalige Forstpolizeigesetz war eine Antwort auf die katastrophalen Folgen, welche die jahrhundertelange Ausplünderung des Waldes nach sich gezogen hatte.

Seit 1993 gilt ein neues Waldgesetz. Es verfeinert die umsichtige Waldbewirtschaftung. Zudem garantiert es dem Schweizer Wald Artenvielfalt (Biodiversität) und nachhaltige Entwicklung – eine Politik, die Ökonomie und Ökologie in sich vereint. Das Gesetz definiert drei Hauptfunktionen für den Wald:

  • Er soll als natürliche Lebensgemeinschaft erhalten bleiben und uns Erholungsraum bieten
  • Er soll uns vor Naturgefahren schützen
  • Er soll uns mit Holz versorgen

Diese drei Funktionen sind gleichwertig. Sie müssen aber nicht in jedem Waldstück in gleichem Mass beachtet werden. Die forstliche Planung sorgt dafür, dass jeder Waldteil jene Rolle spielt, für die er am geeignetsten erscheint. Eine einzelne Funktion kann Vorrang gegenüber anderen Funktionen haben.

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