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Entstehung von Bergseen

Natürliche Bergseen im Alpenraum können an ganz verschiedenen Orten, unter wechselnden Voraussetzungen und zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten entstehen. Dies trifft im Besonderen auch für die Bündner Alpen zu. Von ihrer Entstehung her wird grundsätzlich unterschieden zwischen gletscherbürtigen Seen, Bergsturz- und Bergrutschseen, tektonischen Seen, Karstseen und vulkanischen Seen. Manchmal gibt es auch Kombinationen verschiedener Ursachen. In Graubünden sind die gletscherbürtigen Seen mit Abstand am häufigsten. Daneben gibt es einige durch Bergstürze und Bergrutsche entstandene natürliche Seen. Vulkanische Seen haben in den Alpen eine eher untergeordnete Bedeutung.

Zu den künstlichen Seen zählen Stauseen zur Stromerzeugung, als Speicher für Trinkwasser oder für Beschneiungsanlagen sowie Baggerlochseen bei der Kiesausbeute.

Karseen

Ein Kar ist eine kesselförmige, amphitheaterähnliche Eintiefung an einem Berghang mit flachem Boden und steilen Rückwänden. Talwärts wird es durch einen Karriegel (Karschwelle) abgeschlossen, hinter welchem sich häufig ein Karsee bildet. Kare sind das Ergebnis der Gletschererosion, deren Einfluss über einen sehr langen Zeitraum – meist über das gesamte Quartär (Eiszeitalter, letzte 2.6 Mio. Jahre) – wiederholt wirksam war. Oft eher zufällig wegen Inhomogenitäten am Felsbett, gelegentlich auch durch tektonische Brüche, können Gletscher mit Hilfe von Grundmoränenmaterial hier bevorzugt eine Vertiefung ausmodellieren. Dabei reiben Steine, Kies und Sand am felsigen Untergrund des Gletschers. Als Schmiermittel dient das Gletscherschmelzwasser, manchmal auch Wasser aus Quellaufstössen. Die Erosion des Gletschers ist am Bergschrund, am Übergang zwischen Felsumrahmung und Eis, am stärk­sten, wodurch sich die steilen Rück- und Seitenwände von Karen ausbilden. Weil die Eismächtigkeit im Zentrum am grössten ist, entfaltet dort auch die Erosionsleistung ihre grösste Wirkung. Im flacheren Zungenbereich wirkt sich hingegen die Erosionsleistung geringer aus, so dass eine Karschwelle übrigbleibt und die Mulde hangabwärts abschliesst.

Kargletscher sind Eismassen eher geringer Grösse und umfassen in der Regel die geschrumpften Restflächen einer ehemals viel ausgedehnteren Vergletscherung. Oft sind die Eisreste an der steilen Felswand angefroren und bilden dann sogenannte Hängegletscher. Im Verlaufe der Eiszeiten dienten Kare den Gletschern als Schneesammelgebiete, die sich bis weit hinauf auffüllten. Nach dem Rückgang des Eises kamen die Kare mit ihren Felsflanken erneut zum Vorschein. Ein schönes Beispiel neuerer Zeit stellt das nach dem Gletscherhochstand von 1850 eisfrei gewordene Kargebiet des Terrigletschers im Greinagebiet dar.

Kann genügend Wasser nachfliessen, so füllt sich das Kar hinter der Schwelle mit Wasser zu einem See. Das Wasser eines Karsees stammt – neben der Schneeschmelze – aus nahe gelegenen Quellhorizonten, oft aus Quellmulden und aus unterirdischen Gerinnen in Schutthalden.

Terrisee Vrin – ein Karsee

In vielen Fällen wird der Karriegel infolge Erosion durch das Abflussgerinne oder entlang einer tektonischen Störung in einem schmalen, schluchtartig gestalteten Ausgang durchbrochen.

Wird ein See nur durch Schneeschmelze und Niederschlag gefüllt, so kann er im Sommer jeweils teilweise oder vollständig austrocknen, weil das Wasser versickert, oberirdisch abfliesst oder verdunstet. Beispiele dafür sind der grosse Lai da Rims im Lischanagebiet, der Unterst See und der Mittler See im Fläschertäli am Falknis.

Schliesslich beeindrucken viele Karseen durch die oft ausgedehnten Schuttkegel am Fusse der  Karwände und die darauf – in der Regel von unten nach oben – nachwachsende Pioniervegetation. In einer späteren Phase sind Kare nur noch unter dem grünen Mantel des Bergwaldes oder der Alpweiden zu erkennen, welche den See vollständig umgeben. Diesem Zustand geht jedoch eine sehr lange Periode der Bodenbildung mit Sukzessionsphasen der Vegetationsentwicklung voraus.

 

Rundhöckerseen

Lago Scuro – ein Rundhöckersee in der Seenplatte Cadlimo

Rundhöcker entstehen in harten, meist kristallinen Gesteinskomplexen. Sie sind – wie die Kare – das Werk der Gletschererosion. Der Ort ihrer Entstehung ist eher zufällig, zurückzuführen auf Inhomogenitäten, lokale Härteunterschiede und Klüfte im felsigen Untergrund.

Besonders stark modellierend wirken Gletscherteile unter Zugspannung, d.h. bei Verengungen oder starken Gefällsstufen (Felsstufen) im Gletscherbett. Häufig fallen und dringen Steine durch die Spalten bis auf die Felsoberfläche und ermöglichen zusammen mit dem Moränenschutt am Untergrund und mit Hilfe des Schmelzwassers die Erosion. Zwischen den erosionsresistenteren Felsbuckeln entstehen nach und nach rundliche Vertiefungen. Diese mit Wasser gefüllten Mulden bilden dann typische Rundhöckerseen.

Ausgedehnte flache Partien – auf Schwellen, an Mündungen von Seitentälern oder auf (Gletscher-) Tranfluenzpässen – werden gleichzeitig durch Gletscher ausmodelliert. Dadurch entstehen gehäuft weiträumige Fluren von Rundhöckern, ja ganze Rundhöckerlandschaften. Mehrere mit Wasser gefüllte Mulden bilden sogenannte Seenplatten.

Ein Transfluenzpass ist eine hochliegende Einsattelung, welche die eiszeitlich niedergeschliffene Verbindung zwischen benachbarten Gletschersystemen darstellt (Transfluenzgletscher). Die Transfluenzpässe machen die Alpen besonders durchgängig, d.h. einfach überschreitbar. Von Rundhöckern übersäte und mit kleinen Seen durchsetzte flache Mulden stellen deshalb beliebte und durch Passstrassen gut erreichbare Ausflugsziele für Bergwanderer dar.

Bekannte Beispiele von Seenplatten sind die Lais da Rims und das Seenkollektiv beim Lajet da Lischana, die Macunseen und die Jöriseen, aber auch die Seen im Quellgebiet des Medelserrheins (Cadlimo).

Die Oberengadiner Seenlandschaft mit dem Silser-, Silvaplaner, Champfèrer- und St.Moritzersee ist als zentraler Teil der weit ausgeschliffenen Trogform des Haupttals ebenfalls als ursprüngliche Rundhöckerlandschaft zu deuten. Rundhöcker sind zum Beispiel noch in Form von Inseln (z.B. Halbinsel Chasté ?) oder Riegeln zu erkennen. Bei Surlej, Sils und Isola haben Aufschüttungen durch Bäche aus den Seitentälern den am Ende der letzten Eiszeit noch zusammenhängenden grossen Oberengadiner See eingeengt resp. mehrfach unterteilt. Die höher gelegenen kleineren Seen (Lej Nair, Lägh dal Lunghin, Lej dals Chöds) entsprechen hingegen selbständigen Karseen.

Val Maighels Tujetsch - Rundhöckerseen

Das Längsprofil eines Gletschertales weist häufig terrassenartige Stufen auf. Flache Stellen und Mulden sind wegen Inhomogenitäten, Härteunterschieden und entlang vorhandener Klüfte im felsigen Boden vom Gletscher stärker herausmodelliert worden. Die härteren Riegel können aus einzelnen oder mehreren Rundhöckern bestehen. Dahinter befindet sich häufig ein Rundhöckersee. Ein schönes Beispiel stellt der Lägh da Cavloc bei Maloja dar. Ein weiteres Beispiel ist die Seengruppe im Val Maighels.

Moränenseen

Unterer Clunersee Fideris – verlandender Moränensee

Typische Moränenseen befinden sich im heutigen oder im ehemaligen, weiter talauswärts liegenden Zungenbereich von Gletschern. Sie werden frontal durch talquerende Stirnmoränen oder seitlich verlaufende Ufermoränenwälle aufgestaut. Beim Rückgang von Gletschern fliessen vermehrt Feinmaterial und Schwebestoffe als sogenannte Gletschermilch aus dem Gletschertor hinaus und verschlämmen die Mulde im Vorfeld. Solange die talwärtige Moränenbarriere nicht durchbrochen wird, kann sich dahinter ein See bilden. Wenn dieser See – bei ungenügender Wasserzufuhr – verlandet, entsteht zuerst ein Flachmoor, bei fehlender Frischwasserzufuhr allenfalls später ein Hochmoor.

Weil das lose angehäufte Moränenmaterial ziemlich wasserdurchlässig und erosionsanfällig ist, können derartige Ablagerungen mit der Zeit leicht durchbrochen werden. Extreme Niederschläge und Hochwasser fördern diesen Prozess. Dadurch wird der Moränensee entleert und auch das verschlämmte Gletschervorfeld anerodiert. (Beispiel: Ausbruch des Roseggletschers im Jahre 1954)

Weitere landschaftlich reizvolle Elemente sind sogenannte Sander. Diese entstehen in der Nähe steiler Gletscherzungen. Es handelt sich um Schwemmkegel aus Material, das aus dem Gletschertor zugeführt wird.

Moränenseen entstehen häufig in weichen Gesteinen, wie etwa im Bündnerschiefer und im Prättigauer Flysch. Diese sind in der Regel wegen der leichten Erodierbarkeit weit kurzlebiger als Karseen und Rundhöckerseen.

In der Surselva können einige Flach- und Hochmoore als Überreste ehemaliger Moränenseen interpretiert werden. (Beispiele: Plaun da Plaids Brigels, Stavel da Maighels Tujetsch)

Bergsturz- und Erdrutschseen

Foppa (Gruob) Ilanz – ehemaliger Ilanzer See
Caumasee Flims – ein See über Bergsturzablagerung

Bergstürze sind grosse Abbrüche aus Bergflanken und weisen meist ein beachtliches Volumen auf (über 1 Mio. m3). Sie lassen sich im Gelände an der Abrissnische im anstehenden Fels, der Sturzbahn und der Sturzmasse im Ablagerungsbereich erkennen. Gelegentlich können durch Bergsturzereignisse selbst grössere Täler quer abgeriegelt und dahinter Bäche und Flüsse gestaut werden. Ein sehr bekanntes Beispiel und eine direkte Folge des Flimser Bergsturzes, des grössten Ereignisses dieser Art in den Alpen, ist der ehemalige Ilanzer See im Gebiet der heutigen Foppa (Gruob). Ist das Bergsturzmaterial kompakt und stark verfestigt, wie im Fall des Flimser Bergsturzes, so kann das Wasser überschwappen und gleichzeitig den lockeren oberen Teil des Dammes mitreissen. Hat einmal der Überlauf eingesetzt, dauert es nicht mehr lange, bis das Wasser den verbliebenen Teil des Riegels durch Rückwärtserosion eintieft und im Endeffekt eine Schlucht entstehen lässt. So hat sich bis auf das heutige Niveau des Vorderrheins die Ruinaulta von Sagogn bis Trin gebildet, wobei dort bereits vor dem grossen Flimser Bergsturz ein Flusstal existiert haben muss, welches durch den Bergsturz aufgefüllt worden ist.

In Graubünden gibt es neben diesem grössten postglazialen Bergsturz der Alpen noch zahlreiche kleinere Bergstürze, so zum Beispiel unterhalb des Lago di Poschiavo (Motta bei Miralago) oder auf der Lenzerheide, welche zur Seenbildung führten.

Ein Beispiel eines Sees, der sich hinter der Bergsturzmasse in der Sturzrichtung gebildet hat, ist der Lägh da Bitabergh bei Maloja.

Einen Spezialfall stellt der Caumasee dar. Dieser befindet sich inmitten einer wasserdurchlässigen Bergsturzmasse. Er wird zu 70-90 % unterirdisch durch Grundwasser gespiesen, welches aus einem Karstsystem stammt und im Lag Prau Pulté als Quelle aufstösst. Nur in bescheidenem Mass tragen Schneeschmelz- und Niederschlagswasser zur Füllung des Sees bei. Der Abfluss des Caumasees erfolgt ebenfalls unterirdisch. Da der Caumasee und der Grundwasserleiter miteinander in Wechselbeziehung stehen, bildet der See sozusagen ein Fenster auf das Grundwasser.

Karstseen

Lag Tiert Laax – Quellaufstoss von umfangreichem Karstsystem
Talalpsee Filzbach – abgedichtete grosse Doline

Gesteine mit grossem Gehalt an Calciumcarbonat (CaCO3) und geringer Porosität, d.h. vorwiegend kompakte Kalke von einer gewissen Mächtigkeit, lösen sich in Gebieten mit hohen Niederschlägen durch Kohlensäure (saures Regenwasser) auf (= Verkarstung). An der Oberfläche entstehen verschiedenste Karrenformen. Entlang von Klüften kann das Wasser in den Untergrund gelangen und dort Trennflächen zwischen den Gesteinsschichten nach und nach aufweiten. So ergeben sich im Laufe langer Zeiträume weitverzweigte Höhlensysteme.

In solchen Höhlen staut sich das Wasser über undurchlässigen Schichten zu unterirdischen Karstseen. An einer schwachen Stelle (Kluft) mit entsprechendem Gefälle gelangt das Karstwasser, z.B. wenn ein unterirdischer See bis zu diesem Niveau gefüllt ist, an die Oberfläche. Es entsteht ein Quellaufstoss resp. eine Karstquelle. Bekannte Beispiele derartiger Quell­aufstösse sind der Lag Tiert bei Laax und der Lag Prau Pulté bei Flims Waldhaus.

In Karstgebieten können sich durch Lösungsvorgänge oder durch den Einsturz oberflächennaher Hohlräume im Kalkfels typische Hohlformen, sogenannte Dolinen ausbilden. Die dadurch entstehenden rundlichen Trichter werden Lösungs- bzw. Einsturzdolinen genannt. Die Abdichtung des Dolinenbodens erfolgt beispielsweise durch das nachträgliche Überfahren eines Gletschers und das Auffüllen mit Glazialschutt. Erst danach kann sich der obere Teil der Doline mit Wasser füllen. Auf diese Weise haben sich beispielsweise der Talalpsee und der Spaneggsee zwischen Mürtschenstock und Nüenchamm resp. zwischen Mürtschenstock und Schijenstock (Filzbach) gebildet.

 In geologischen Zeiträumen betrachtet, sind natürliche Seen relativ kurzlebig. Sie können in den Alpen gewissermassen als Nebenprodukte der Gletschererosion sowie der spät- und nacheiszeitlichen Gestaltung der Landschaft betrachtet werden. Deren Faszination ergibt sich aus der Vielgestaltigkeit, der wundervollen Einbettung in Moränen-, Fels-, Moor- und Waldlandschaften sowie nicht zuletzt aus der Farbenvielfalt und der „Verdoppelung“ der Landschaft in ihrem Wasserspiegel.

Quellen

  • Hantke, R.: 1978. Eiszeitalter. Die jüngste Erdgeschichte der Schweiz und ihrer Nachbargebiete. Bd. 1. Thun: Ott. 468 S. ISBN 3-7225-6258-9
  • Hantke, R.: 1980. Eiszeitalter. Die jüngste Erdgeschichte der Schweiz und ihrer Nachbargebiete. Bd. 2. Thun: Ott. 703 S. ISBN 3-7225-6259-7
  • Häuselmann, Ph. et Jeannin, P.-Y.: 2009. Wasserwege der Gemeinde Flims und ihre Einflüsse auf den Caumasee. Schweiz. Inst. Speläologie und Karstforschung. 24 S.
  • Heitzmann, P.: 2008. mündl. Mitt.
  • Imper, D.: -. Lehrpfad Habergschwänd – Talsee. Filzbach.
  • Maisch, M.; Burga, C.A. et Fitze, P.: 1993. Lebendiges Gletschervorfeld. Führer und Begleitbuch zum Gletscherlehrpfad Morteratsch. Samedan: Engadin-Press AG, 138 S.
  • Maisch, M.: 2010. schriftl. Stellungnahme
  • Pfiffner, A.: 2009. mündl. Mitt.
  • Schwarz, M.: 2004. Gebirgsseen: Entstehung, heutige Inwertsetzung und Nutzung. Geogr. Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Vortrag (Internet)
  • Zuber, R.:  2008. Entstehung von Bergseen. In: Graubünden – Das blaue Wunder, E.Bromeis-Camichel et A.Badrutt (Hrsg.). Zürich/Chur: Südostschweiz Buchverlag. S. 172-175. ISBN 978-3-905688-42-9

 

  • Prof.Dr.Max Maisch vom Geographischen Institut der UNI Zürich sei an dieser Stelle für die kritische Durchsicht des Manuskriptes und die Verbesserungsvorschläge bestens gedankt.

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