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Giltstein (Ofenstein)

Bezeichnungen

Das Mineral Talk kommt in der Surselva in verschiedenen Ausbildungen vor:

  • sehr selten als meist grobe blättrige Aggregate (Talk)
  • mehr oder weniger rein als Schiefer (Talkschiefer)
  • dicht verfilzt (Steatit oder „Speckstein“)
  • am häufigsten in Verbindung mit verschiedenen anderen Mineralien (Giltstein).

Talkschiefer, Steatit (Speckstein) und Giltstein bilden eine Gruppe von in der Natur vorkommenden Gesteinen, welche hauptsächlich aus dem Magnesium-Silikat bzw. Magnesium-Eisen-Silikat Talk bestehen.

Giltstein wird auch als Ofenstein, Topfstein, Lavezstein oder Speckstein bezeichnet.

Giltstein ist ein Sammelbegriff für Gemische aus bestimmten Mineralien. Giltsteine sind in der Zusammensetzung sehr mannigfaltig. Hauptbestandteil ist immer der Talk. Hinzu kommen in sehr wechselnden Mengen Glimmer, Serpentin, Chlorit, Magnesit, Bräunerit (eisenhaltiger Magnesit), seltener Tremolit, Strahlstein, Anthophyllit, Hornblende, Augit, Olivin, Quarz, Magnetit, Limonit, Spinelle, Chromit und verschiedene sulfidische Erze. Die meisten Mineralien der Giltsteine sind reich an Magnesium.

Die chemische Zusammensetzung der Giltsteine schwankt innerhalb weiter Grenzen, Kieselsäure (Si) und Magnesiumverbindungen (Mg) sind jedoch stets die wichtigsten Bestandteile.

Speckstein im engeren Sinn ist eine besondere Ausbildungsform des Talks (Steatit). Die Gleichsetzung von Speckstein mit Giltstein ist, obwohl in verschiedenen Publikationen und im Sprachgebrauch so gemacht, geologisch betrachtet, irreführend. Die Bezeichnung „Speckstein“ rührt vom seifig-speckigen Anfühlen aufgrund des Talk- / Talkschiefer-Anteils in den verschiedenen Giltsteinen her.

Aussehen, Eigenschaften

Maserierung mit Calcitadern

Die Talke (= Ausgangsform) und die Talkschiefer (= verschieferte Form) sind ziemlich einförmig. Es sind sehr weiche (mit dem Fingernagel ritzbare), meist grünliche, sich fettig anfühlende Mineralien von schuppiger Struktur.

Giltsteine sind Gesteine von heller oder dunkelgrüner Farbe, oft mit weissen, gelblichen, braunen oder schwarzen Partien.

Die Textur der Giltsteine kann massig und „homogen“ oder geschiefert sein. Häufig beobachtet man auch ein ophiolitisches Gefüge, d.h. schlangenartig gewundene Bänder oder Streifen mit knotenartigen Einschlüssen.

Die Textur kann aber auch brekzienartig sein und Adern von Calcit (Kalk, CaCO3) und anderen Mineralien als mehr oder weniger dichtes Netz einschliessen. Es wird angenommen, dass sich während der tektonischen Deformation die Fugen und Risse der Brekzie kontinuierlich mit den hellen Calcit-Mineralien aus heissen Porenwasserlösungen verfüllt haben. Da keine Bruchstellen erkennbar sind, müssen gleichzeitig Plastizität, Rissbildung und Rissverfüllung bestanden haben.

Giltsteine mit grossem Talkanteil sind sehr hitzebeständig. Der Schmelzpunkt liegt bei 1350–1550°C.

Giltstein zeichnet sich durch seine aus¬serordentlich grosse und langanhaltende Wärmespeicherfähigkeit aus.
 

Entstehung, Herkunft

Peridotite sind ultrabasische Eruptivgesteine (Plutonite), welche aus den dunklen Mineralien Hornblende, Augit und Olivin bestehen. Dazu gehören: Dunite (nur aus Olivin bestehend), Harzburgite (aus Olivin und Orthopyroxen), Lherzolithe (aus Olivin, Orthopyroxen und Klinopyroxen).

Peridotite, kommen oft in Linsen vor, welche sich an die Umgebung konkordant anpassen. Günstige Voraussetzungen für die Entstehung von Plutoniten (erstarrte Gesteine unterirdischer magmatischer Ergüsse) sind Störzonen, insbesondere Grabensysteme infolge tektonischer Brüche und Verschiebungen.

Talk entsteht aus Olivin oder Augit, den Hauptgemengteilen des Peridotits, während der orogenen (gebirgsbildenden) Metamorphose (= Regionalmetamorphose). Die Umwandlung in den Peridotiten erfolgt, wenn der geostatische Druck eher niedrig und die Temperatur ebenfalls relativ niedrig, der Stress, d.h. die seitliche Verschiebung hingegen gross ist (kinetische Epimetamorphose). Derartige Verhältnisse liegen bei Verfaltungen, Hebungen, Überschiebungen im Bereich von Subduktionszonen entlang von Plattenrändern etc. vor.

Das magnesiumhaltige Silikat Olivin wandelt sich unter Wasseraufnahme in den siliziumreicheren Talk und in den siliziumärmeren Serpentin um. Die Magnesium-Eisenhaltigen Silikate Augit, welche oft neben dem Olivin in den Peridotiten vorkommen, machen eine ähnliche Umwandlung durch. Da Augit Sireicher als Olivin ist, geht er meistens in den Sireicheren Talk und seltener in den Serpentin über. Talk ist somit ein hydratisiertes Magnesium-Silikat (von Olivin) bzw. ein hydratisiertes Magnesium-Eisen-Silikat (von Augit).

Bedingt durch die Orogenese (Gebirgsbildung), erfolgt eine mehr oder weniger starke Umwandlung in Talk und Serpentin. Die Peridotit-Linsen werden mit Talk und Serpentin ausstaffiert. Dadurch löst sich der ursprüngliche Gesteinsverband ziemlich stark auf.

Die Zonierung innerhalb einer Linse rührt von der verschieden starken Reaktion des ultrabasischen Gesteins während der Metamorphose her. Meistens findet am Rand der Linse eine starke Serpentinisierung und Talkierung statt, während das Gefüge im Kern intakt bleibt.

Die unmittelbare Umhüllung der Linsen besteht häufig aus schmalen Lagen von Talkschiefern, Strahlsteinschiefern, Chloritschiefern oder Biotitschiefern.

Fast immer stehen die Giltsteinvorkommen in unmittelbarer Beziehung zu sehr basischen (ultrabasischen) Eruptivgesteinen und deren Umwandlungsprodukten wie Serpentinen, Amphiboliten, Epidotchloritgesteinen usw. Die Giltsteine der Schweiz sind also unter speziellen Bedingungen metamorphosierte ultrabasische Eruptivgesteine (Peridotite).

Vorkommen

Giltsteinbruch bei Ragisch (Mompé Medel)

Reine Talkgesteine sind in der Schweiz selten, dagegen sind Giltsteine aller Qualitäten in grosser Zahl vertreten, kommen jedoch immer in kleinen oder grösseren Linsen vor.
 
In der Surselva befinden sich die Giltsteinvorkommen in der Paragneiszone des Tavetscher Zwischenmassivs. Die Erklärung dafür findet sich in der einstigen vulkanischen Tätigkeit und der enormen tektonischen Beanspruchung dieser Zone während der Gebirgsbildung. Durch den Abtrag (Erosion) und die Hebung während der Gebirgsbildung liegen die Serpentin-Giltstein-Linsen heute nahe an der Oberfläche.

Aus der Surselva allgemein bekannt ist der Giltstein von Calmut am Oberalppass, welcher noch ausgebeutet wird. Daneben besitzt der Linsenzug von Sedrun bis Trun beachtliche Talk- und Giltsteinlagen. Grössere Talkmengen lieferten einst die Gruben von Mompé Medel und von Puzzastg bei Surrhein. Neben Giltstein traten dort auch relativ reine Talkschiefer in beachtlicher Mächtigkeit auf. Weitere Ofensteingruben befanden sich einst bei Selva, Mompé Tujetsch, Ragisch, am Ausgang des Val Sumvitg und bei Acla Plauna bei Trun. Noch heute in Betrieb ist der Steinbruch bei Mompé Medel (Ragisch).

Verwendung

Geschichtliches

Torso aus Giltstein

Seit mindestens fünftausend Jahren gilt Speckstein neben Holz, Horn, Bernstein und Alabaster als geschmeidigster Werkstoff, aus dem man kultische Figuren, Totems, Reliefs, Ringe und Talismane mit Leichtigkeit herausschnitzt.

Die Hethiter verwendeten Speckstein zur Herstellung von Rollsiegeln. Im Iran gibt es Gefässe aus Steatit aus dem 3.Jahrtausend v.Chr. In der spätminoischen-mykenischen Kultur wurden Siegel und Gefässe aus Speckstein hergestellt. Im Archäologischen Museum von Iraklion ist beispielsweise der obere Teil eines trichterförmigen Trinkgefässes ausgestellt. Auch in Ägypten sind zahlreiche Specksteinfunde nachgewiesen. In China diente in älterer und jüngerer Zeit der billige Speckstein als Ersatz für die seltenere Jade zur Herstellung reich verzierter Skulpturen und Gebrauchsgegenstände.

In Simbabwe existieren Figuren aus dem 11. bis 15.Jh. In Guinea und Sierra Leone wurden sog. Nomoli (männliche Figuren) und Pomtan (Menschen und Tiergestalten) gefunden, die im 15. und 16.Jh. in den Königreichen Temne und Bullom entstanden sind.

Die kanadischen Inuit fertigten früher nur Tranlampen aus Speckstein an, begannen aber gegen Ende des 19.Jh., auch Kleinskulpturen zu gestalten, die schnell internationale Anerkennung erlangten und zu einer wichtigen Erwerbsgrundlage wurden. 

Die Wikinger nutzten Speckstein zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen. Funde in Haithabu sowie Grabbeigaben in Norwegen belegen, dass Speckstein für Gefässe, Spinnwirtel, Gewichte und Schwungräder für Holzbohrgeräte genutzt wurde. Diese wurden durch ornamentale Einritzungen oder Runen verziert.

Da Speckstein ein feuerfestes Material ist, wurde er auch als Gussform für Schmuck sowie Bronze- und Silberbarren genutzt.

Seit der Antike wird Speckstein wegen seiner Wärmebeständigkeit auch für die Herstellung von Kochgeschirr verwendet.

Neuzeitliche Verwendung

Moderne Skulptur aus Speckstein

Industriell wird gemahlener Speckstein (Talkum) in der Glas-, Farben- und Papierindustrie als Schmiermittel, Scheuermittel, Trennmittel in Kabeln und zwischen Reifen und Schlauch, als Grundstoff für Kosmetika, Pharmaka, Babypuder, Körperpuder, in der Lebensmittelindustrie sowie in der Kunststoff-, Keramik-, Porzellan- und Autoindustrie verwendet.

Aus Speckstein wurden früher auch Isolatoren und Schalttafeln gefertigt. Für mechanisch und thermisch hoch belastete Isolatoren, wie Fusspunktisolatoren für selbststrahlende Sendemasten, Sicherungen oder Freileitungsisolatoren wird jedoch das im wesentlichen aus gemahlenem Speckstein gebrannte Steatit – eine technische Keramik – verwendet.

Aus finnischem und brasilianischem Speckstein werden bevorzugt Specksteinöfen gefertigt, die sich durch eine ausserordentlich lange Wärmespeicherfähigkeit auszeichnen. Diese Specksteine sind hart und zum plastischen Gestalten ungeeignet. Auch deutsche Hersteller bieten mittlerweile eine grosse Auswahl an Specksteinöfen.

Im Südalpenraum gibt es einige kleine handwerkliche Firmen, die jenseits der Kamin-Filialisten eigene Ofen-Kreationen von gutem Design und mit regionalem Material herstellen.

Nach wie vor wird Speckstein für die Herstellung von Kochgeschirr und Kochplatten verwendet.

Für die Herstellung von Skulpturen, Gefässen, Geräten, Tischplatten, Verkleidungsplatten, Grabsteinen und Architekturteilen werden kompakte farbige Steine bevorzugt. Sie sind leicht bearbeitbar, d.h. sie können behauen, geschnitten oder gedrechselt werden. Für die grobe Formgebung werden meist die gleichen Werkzeuge wie für die Holzbearbeitung benutzt: Schnitzmesser, Säge, Raspel, Feile etc. Ausserdem sind sie gut polierbar. Der Feinschliff ist mit handelsüblichen Mitteln wie Schleifpapier, Stahlwolle und Polierpaste möglich. Um einen dauerhaften Glanz zu erhalten, werden die fertigen Werkstücke meist abschliessend mit Wachs oder Öl poliert, was gleichzeitig die Oberfläche versiegelt.

Bei der Herstellung von Kunstgegenständen wird üblicherweise die Rohform des Steines betrachtet und aus ihr eine Form erdacht, die anschliessend vom Künstler verfeinert wird. Aus Rohform und Interpretation des Künstlers entsteht so das fertige Werk.

Da der Stein sehr weich ist, lässt er sich gut verformen. Er ist somit auch sehr gut einsetzbar in der Kunsttherapie. Speckstein vermittelt trotz seiner Weichheit Beständigkeit und Widerstand. Der Patient kann sich neu finden und Kontinuität in seinen Willen bringen. Das Ergebnis überrascht und gibt neuen Mut.

Verwendung in der Surselva

Giltsteinofen aus Surrein

In der Surselva wird Giltstein vor allem für den Ofenbau verwendet. Die ersten Tavetscher Öfen sind auf das Jahr 1740 datiert.

Gegenwärtig gibt es in der Cadi drei gewerbliche Betriebe, welche Öfen aus Giltstein herstellen.

Da die einheimischen Abbaustellen nicht ergiebig genug sind, wird in neuerer Zeit aus Skandinavien (Norwegen, Finnland) ein ähnlich aussehender Giltstein importiert.

Ausserdem bildet Giltstein das Rohmaterial für Grabsteine, Küchenplatten, Gefässe, Skulpturen, Schmuckstücke etc.

Quellen

  • Bambauer, H.-U.: 2000. Geologische Wanderungen im Tavetsch. Gemeinde Tujetsch. 3.Aufl.
  • Dal Vesco, E.: 1969. Geologie und Petrographie. Manuskript Vorlesung ETHZ
  • De Quervain, F.; Gschwind, M.: 1934. Die nutzbaren Gesteine der Schweiz. Hrsg.: Geotechn.
  • Kommission der Schweiz. Naturf. Gesellschaft. Bern: Huber. 456 S.
  • Labhart, T.P.: 2005. Geologie der Schweiz. Bern:Ott Verlag (hep). 7.Auflage, 215 S. ISBN 3-7225-0007-9

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